Schreibprozess

Ist das noch mein Text und, wenn ja, warum?

Wie du mit Zweifel und Sorgen im Lektorat umgehen kannst

Eine der häufigsten Fragen, die mir gestellt werden, lautet: Wenn du in meinem Text so viel anmerkst, wie viel bleibt eigentlich noch von meinen Ideen übrig? Oder anders gesagt: Ist das nach Lektorat und Überarbeitung überhaupt noch mein Text?

In diesem Artikel erfährst du, wann die Frage auftauchen kann, was dahinter stecken kann und wie du mit ihr produktiv umgehst.

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Was im Gehirn passiert, wenn die Frage auftaucht
  2. Wann die Frage, ob das noch dein Text ist, auftauchen kann
  3. So kannst du mit Selbstzweifeln im Lektorat umgehen
  4. Die Verantwortung für den lektorierten Text bleibt bei dir
  5. Viele Gründe können den Erfolg eines Lektorats behindern
  6. Ein guter Text braucht Zeit – gib sie ihm!

1. Was im Gehirn passiert, wenn die Frage auftaucht

Wir alle können aus der Schulzeit oder der Arbeit von schlechten Rückmeldungen auf Texte berichten, die wir mal mehr, mal weniger verarbeitet haben. Die Lehrpersonen im Fach Deutsch etwa mussten dich wegen ihres Amtes benoten, oft ohne in ihrer Ausbildung gelernt zu haben, wie sie konstruktiv zur Überarbeitung deines Textes anregen. Sie hatten vielleicht ein Schema im Kopf, das ihre Schüler:innen erfüllen sollen. Das ließ links und rechts davon wenig Spielraum für Kreativität. Diese Erfahrungen können sich in der Arbeitswelt fortsetzen. Kolleg:innen haben eine Vorstellung von einem Text und die sollst du erfüllen. Sie machen sich nicht klar, dass es unterschiedliche Herangehensweisen gibt und Kreativität ein Ergebnis liefern kann, das sie nicht erwartet haben.

Das Gehirn schaltet in die Schulzeit zurück und Selbstzweifel können auftauchen

Wenn viel in deinem Text angestrichen ist, dazu noch in Rot, dann kann es sein, dass dein Gehirn automatisch dahin zurückschaltet und denkt, dass dein Text mangelhaft ist. Es verfällt wieder in den Urteilsmodus aus der Schulzeit und du hältst dich für eine:n schlechte:n Autor:in. Quälst dich mit Selbstzweifeln. Diese könnten also ihren Ursprung in der Schulzeit haben.

Nur die wenigsten von uns haben gelernt, produktiv an Texten zu arbeiten und ein Lektorat als Unterstützung zu sehen und nicht als Kritik. Die Folgen:

  • Distanz zur Lektoratsperson: Du gibst ihr die „Schuld“, dass du den Spaß am Schreiben verlierst. Dazu möchte ich dir sagen: Es gibt keine Schuld, es gibt nur Verantwortung. Ihr beide übernehmt sie für jeweils euren Teil der Arbeit, sie für das Lektorat, du für die Überarbeitung bzw. den Endzustand deines Textes.
  • Sträuben, innerer Widerstand gegen Überarbeitung: Du wiegst Aufwand gegen Nutzen ab und entscheidest, den Text so zu lassen. Irgendwie, sagst du dir, wirst du wie bisher auch damit durchkommen. Und damit hast du recht, der Text wird mehr oder weniger bestehen, seine Leser:innen finden, die Note wird noch im Rahmen sein oder die Resonanz verhalten bleiben. Die Frage ist jedoch, ob das Endergebnis dich befriedigt.
  • Vielleicht empfindest du auch Trotz: Möglicherweise fühlst du dich völlig missverstanden und der Satz ploppt auf: Das habe ich nicht nötig, mir das sagen zu lassen. Eine erste verständliche Reaktion. Dann schlafe erst darüber, freunde dich mit den Anmerkungen an, soweit du kannst, und die besonders schmerzhaften ignorierst du oder bespricht sie mit deiner Lektoratsperson. Das ist allemal besser, als dass der Text in der Schublade landet oder du den Kontakt zu deiner Lektorin abbrichst.

zurück

2. Wann die Frage, ob das noch dein Text ist, auftauchen kann

Diese Frage beschäftigt alle, meine Kund:innen, potentielle Interessent:innen und sogar Menschen aus meinem Umfeld, sprich Freundinnen, Bekannte und Familie , die gar nicht selbst schreiben. Ich halte sie für angemessen und normal, vor allem, bei wenig Erfahrung mit Feedback auf  Texte. Du stellst sie dir dann auch, weil du herausfinden willst, ob du dem, was da kommt, überhaupt gewachsen bist.

Deshalb kann die Frage, ob es noch dein Text ist, vor, während und nach dem Lektorat auftauchen.

  • Vor dem Lektorat fragst du dich womöglich, wie gut oder schlecht oder vielleicht auch nur mittelmäßig die Lektoratsperson deinen Roman, deine Erzählung, dein Gedicht oder deine wissenschaftliche Arbeit findet. Das macht dich unsicher und kann verhindern, dass du überhaupt professionelle Unterstützung suchst.
    Mach dir klar: Urteile spielen für die Bearbeitung keine Rolle, sind sogar kontraproduktiv. Weil sie den Blick auf den Text verstellen. Ein Lektorat orientiert sich immer an der Sache, sprich der Textsorte, dem aktuellen Zustand des Textes und dem Potenzial, die eine Geschichte, ein Thema hat. Statt zu bewerten, schauen ich und meine Kolleg:innen, was der Text braucht, damit er das aussagt, was du intendiert hast.
  • Während des Lektorats: Wenn du schon einen Teil des Textes aus dem Lektorat zurückbekommen hast, kann die Frage nach der Authentizität ebenfalls auftauchen. Du schaust dir die Kommentare und Änderungsvorschläge an und stellst vielleicht fest, dass du über einige der Aspekte noch gar nicht nachgedacht hast. Dein Mut sinkt, weil du merkst, wie viel Arbeit vor dir liegt. Oder die Lektoratsperson merkt immer wieder dasselbe an, etwa, dass du treffendere Verben verwenden sollst oder überlegen, was deine Figuren antreibt. Auch das kann aus demselben Grund frustrierend sein.
    Mach dir klar: Ein Lektorat ist mehr als das Ändern von Wörtern oder der Satzstellung. Lektorierende spüren Lücken, Brüche und Widersprüche auf. Stellen Fragen, damit du diese füllst bzw. auflöst. Sie geben dir Hilfestellung und was du daraus machst, ist deine Sache.Ein Lektorat ist mehr als das Ändern von Wörtern oder der Satzstellung.
  • Nach dem Lektorat: Du erhältst deinen Text zurück, gespannt und freudig. Öffnest die Datei und siehst am Rand jede Menge Kommentare und im Text ganz viel rote Schrift und Streichungen. Dein Herz rutscht mindestens in die Kniekehle und du willst am liebsten gar nicht weiterlesen.
    Mache dir klar: Das sind alles Anregungen zur Verbesserung deines Textes, die nichts mit deiner Kompetenz als Schreibende:m zu tun haben. Sie weisen dich auf die Aspekte hin, denen du dich noch ausführlicher widmen solltest. Deshalb schau sie dir in aller Ruhe an und entscheide anschließend, wie du mit ihnen verfährst. Wenn du ohne negative Emotionen an die Überarbeitung gehst, wirst du feststellen, was davon deinen Text, dein Schreiben voranbringt und was du links liegen lässt.

zurück

3. So kannst du mit den Selbstzweifeln im Lektorat umgehen

Mach dir klar, dass ein Lektorat dich nicht benotet. Sein Sinn liegt darin, dich dazu anzuregen, dazuzulernen und über deinen Text nachzudenken. Zumindest, wenn die Lektoratsperson gut ausgebildet ist und ihre Kompetenz und Erfahrung in die Arbeit einfließen. Deshalb streicht sie alles an, was ihr auffällt. Und überlässt dir die Freiheit, zu entscheiden, wohin sich dein Text entwickelt.

Ein Weg, damit umzugehen, ist also, der Konditionierung ein Schnippchen zu schlagen. Etwa dadurch, indem wir dem Gehirn signalisieren, dass wir uns über die Markierungen und Anmerkungen freuen. Weil sich jemand intensiv mit dem Text, der Geschichte auseinandersetzt und wir eine Fülle von Anregungen bekommen, die uns helfen, ihn noch dichter und aussagekräftiger zu machen. Weil wir dadurch sowohl unsere Texte verbessern als auch kompetentere Schreibende werden, die Erfahrungen sammeln und immer versierter darin werden, das Gelernte anzuwenden.

Lektor:innen haben eine doppelte Expertise, Schreiben selbst und sind gleichzeitig Expert:innen für die Überarbeitung

Möglicherweise hilft es dir, dir klarzumachen, dass dein:e Auftragnehmer:in meistens beide Seiten kennt: Sie hat oder hatte einen schreibenden Beruf und hat dadurch und zusätzlich in Fortbildungen gelernt, Texte zu überarbeiten. Was sie dir mitgibt, geschieht aus dieser doppelten Expertise. Auch sie hat erlebt, an einem Text zu zweifeln. Sprich sie darauf an, wie sie damit umgeht. Meine Vermutung: Sie oder er hat beim Anblick der Anmerkungen kurz geschluckt, die Anmerkungen analysiert und sich dann an die Überarbeitung gesetzt. Weil sie weiß, dass Autor:innen beim eigenen Text automatisch schreibblind werden, sprich den nötigen Überarbeitungsbedarf nicht mehr selbst identifizieren.
zurück

 

4. Warum dein Text immer dein Text bleibt

In einem Lektorat geht es darum, die bestmögliche Version deines Textes anzustoßen. Weil ein:e Lektor:in nicht weiß, wie du dir die Geschichte oder wissenschaftliche Bearbeitung des Themas gedacht hast, merkt sie/er alles an, was ihr/ihm auffällt. Denn Anmerkungen und Kommentare sind lediglich Vorschläge, dadurch bleibt dein Text immer dein Text.

Die gute Nachricht: Die Verantwortung für den überarbeiteten Text bleibt bei dir, du entscheidest, was für dich stimmt

Du entscheidest, was für dich stimmt, und es letztendlich in deinem Sinn überarbeiten. Die gute Nachricht: Deshalb bleibt die Verantwortung für deinen Text immer bei dir, die nimmt sie dir nicht ab. Zudem sind Durststrecken bei jeder Form von kreativer Arbeit normal und lassen sich nicht verhindern. Mein Lösungsvorschlag lautet, produktiv mit ihnen umzugehen, um sich nicht entmutigen zu lassen.

Sprich unbedingt offen an, was sich im Lektorat am Weiterarbeiten hindert. Dein:e Auftragnehmend:e wird mit dir gemeinsam eine Strategie entwickeln, wie du mit dieser Frage und deinen Erfahrungen umgehst. Ist sie auch Schreibcoach:in, kennt sie garantiert gute Tipps und Schreibmethoden, Hürden der verschiedensten Art zu überwinden.
zurück

 

5. Viele Gründe können den Erfolg eines Lektorat behindern

Die Unlust oder gar ein Widerstand gegen die Überarbeitung kann noch andere Gründe haben: Vielleicht hast du den Auftrag mit deiner Lektoratsperson nicht ausführlich abgesprochen. Du wolltest lediglich Anregungen zur Überarbeitung von Sprache und Stil, sie hat aber zusätzlich ein Inhaltslektorat geliefert. Und das nicht, um dich zu ärgern, sondern weil zu einem Stil-Lektorat auch gehört, auf Lücken, Brüche oder Widersprüche hinzuweisen. Denn es verstößt gegen die Berufsehre, Logikfehler außen vor zu lassen.

Vielleicht verwirren dich die vielen Anmerkungen. Dann sprich sie darauf an und lass dir erklären, was der/die Lektorierende damit meint bzw. auf welchen Aspekt deines Textes sie deine Aufmerksamkeit lenken will.

Oder du hast dein Ziel revidiert. Bei der Lektoratsperson ist angekommen, dass du den Text zur Veröffentlichungsreife bringen willst. Du aber hast mittlerweile gemerkt, dass du nur ein Büchlein als Weihnachtsgeschenk für Familie und Freunde daraus machen willst, weil dir der Aufwand zu hoch ist. Auch das solltest du besprechen, damit eure Ziele und der Anspruch an den Text nicht auseinanderdriften.

Vielleicht hat sich die Reihenfolge geändert, du ziehst einen anderen Text vor und dein aktuelles Projekt wandert vorerst in die Schublade. Das ist dein gutes Recht, aber bitte sprich es an: Die Lektoratsperson hat dich in ihrem Terminkalender eingeplant und für sie fällt ein Auftrag weg. Oder anders gesagt: Sie muss sich um die Akquise eines neuen kümmern.

Oft braucht es eine Weile, das Problem zu erkennen, das hinter deiner Reaktion auf das Lektorat liegt

Manchmal kommt es auch vor, dass eine Verlagsbewerbung verschoben wird, weil der/die Autor:in verstanden hat, dass noch mehr Arbeit nötig ist als angenommen.

Oft braucht es auch eine Weile, das dahinterliegende Problem zu erkennen. Dann gibt dir deine Lektoratsperson eventuell schon Tipps, die du gar nicht umsetzen kannst. Sie will etwa wissen, was deine Figuren antreibt. Weil du dir darüber aber bisher keine Gedanken gemacht hast, stellst du das Problem hintenan. Dann kommen diese Anmerkungen immer wieder und du fragst dich, was du falsch machst. Egal welches Problem vorliegt: Lass dich niemals entmutigen, sondern nimm es als Herausforderung an, an der Stelle weiterzukommen.

Manchmal tut es trotz aller Bemühungen immer noch sehr weh, deinen Text mit Anmerkungen versehen zurückzubekommen. Dann ist vielleicht ein Wechsel der Lektoratsperson die beste Lösung, bevor du gar nicht mehr daran arbeiten magst. Suche dir in Absprache jemanden, der/die weniger tief in deine Geschichte einsteigt. Das ist billiger und beugt andauerndem Frust vor.

Keines von den Beispielen in Punkt 5 ist ein Fehler oder gar Versagen der Beteiligten, solange du offen kommunizierst. Und ich wünsche dir eine Lektorin, einen Lektor, die bzw. der dies ebenfalls gut beherrscht und mit dir eine Lösung sucht.
zurück

 

6. Ein guter Text braucht Zeit – gib sie ihm!

Aus eigener Schreiberfahrung weiß ich: Ein guter Text braucht immer Zeit. Gib sie ihm und bleib dran, durchdenke die Anmerkungen und setze diejenigen um, die dir einleuchten. Frage bei den anderen nach. Dann wird deine Geschichte, deine Arbeit reifen und ein Niveau erreichen, mit dem du nicht gerechnet hast. Aus deiner eigenen Arbeit heraus.

Jeder hat Durststrecken beim Schreiben, ob Profi oder Anfänger:in. Die sind unvermeidlich

Eine Kundin gab mir neulich folgendes Feedback: „Ich merke immer wieder, dass das Wort, das du vorschlägst, nicht meines ist. Aber es hilft mir, darüber nachzudenken, welche Formulierung zu mir gehört, was meine Sprache ist“, sagte sie. Auch sie macht die Erfahrung, dass es mehrere Überarbeitungsrunden braucht, bis ihre Geschichten das ausdrücken, was sie sagen will.

Durststrecken sind unvermeidlich und jeder hat sie, ob mit oder ohne Lektorat. Ein kleiner Trick, der mir hilft, damit umzugehen: Ich stelle mir beim Überarbeiten immer wieder das Glücksgefühl vor, das aufkommt, wenn der Text endlich fertig ist. Daran merke ich, wie sehr ich fürs Schreiben brenne, was mich wiederum motiviert, die viele Arbeit auf mich zu nehmen. Und diesen Moment wünsche ich dir auch!
zurück

Wer dir hier schreibt:
Hallo, ich bin Sabine Staub-Kollera, Lektorin und Coach für Schreibende, die den Weg zum stimmigen Text lieber mit einem Menschen als einer KI gehen.

Dir hat dieser Artikel geholfen oder du hast Anmerkungen dazu? Dann lass‘ es mich über das Kontaktformular wissen!

Posted by sabine, 0 comments

Warum ich davon abrate, den kompletten Schreibprozess an eine KI auszulagern

Der Hype um KI ist riesig, vor allem beim Schreiben kommt man scheinbar um die Nutzung nicht mehr herum. Doch sind die Folgen für Gehirn, Kreativität und Schreibfähigkeiten gravierend. Diese Nachteile werden leider oft vergessen zu erwähnen. In diesem Artikel  zeige ich dir auf, welche das sind und erkläre, was beim Einsatz von KI-Programmen im Gehirn passiert. Du erfährst, wie du damit umgehst und deine Fähigkeiten stärkst, statt sie zu schwächen.

 

Inhaltsverzeichnis

  1. KI als Lösung aller Schreibprobleme?
  2. KI-Nutzung vernachlässigt die soziale Komponente
  3. So baust du die soziale Komponente ein
  4. Das gewinnst du beim Schreiben ohne KI
  5. Inhalte generieren für den ersten Entwurf
  6. KI in der Überarbeitung
  7. KI-Einsatz beim Schreiben ja, aber nur mit Kenntnis der Stolperfallen

1. KI als Lösung aller Schreibprobleme?

Vor einiger Zeit habe ich im Radio ein Interview gehört, dessen Quintessenz mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Die befragte Expertin ernannte darin Kreativität zusammen mit Emotionalität zu zentralen Zukunftsskills. Ihre These: Wer diese beiden beherrscht, wird auch in einer Welt bestehen, die uns immer mehr Unterscheidungsvermögen abverlangt.

Dagegen lese ich in IT- oder Schreib-Zeitschriften und auf Webseiten von IT-Coaches und Portalen für Schreib-Unterstützung, dass wir in Zeiten von Künstlicher Intelligenz in absehbarer Zeit weder das eine noch das andere brauchen werden. Weil sie vor allem das Schreiben einfach mache, laufe das Erstellen von Texten, also der Schreibprozess, quasi wie von selbst. Voraussetzung: Man schöpft die Möglichkeiten von Programmen wie ChatGPT mit aus, habe also die passenden Prompts parat. Das gelte für Sachtexte wie wissenschaftliche Arbeiten, Essays, Sachbücher, Homepagetexte oder Texten fürs Marketing, sogar, du ahnst es, für literarische Texte. Schreibprobleme und mangelnde Ideen würden dadurch sozusagen Geschichte.

Dass am Ende beim Einsatz von KI ein Text herauskommt, ist keine Frage. Doch hat sich herausgestellt, dass nicht nur die Qualität des Produkts oft zu wünschen übrig lässt: Durch das Auslagern des Denkens verlieren Menschen auch geistige Fähigkeiten. Diese Kehrseite der KI-Nutzung wird aus meiner Sicht viel zu oft verschwiegen. Die Programme wirken sich auf unser Gehirn aus, nutzen wir sie ausschließlich. Du kannst sie beim Schreiben sinnvoll und bewusst einsetzen und gleichzeitig die kreativen und emotionalen Fähigkeiten stärken. Was du dabei beachten muss, erkläre ich dir in diesem Blogbeitrag anhand der Textgenerierung, sprich des Erstentwurfes eines Texts. zurück

2. KI-Nutzung vernachlässigt soziale Komponente

Zugegeben: Das Schreiben eines wissenschaftlichen Textes kann ein beschwerlicher und langwieriger Prozess sein. Da ist es verlockend, ihn an Programme auszulagern, die versiert darin scheinen, komplexe Themen und komplizierte Gedankengänge zu durchdenken und auszuformulieren.

Doch leider benutzt, wer viele Aufgaben an eine KI übergibt, sein Gehirn über 50 Prozent weniger, als wenn er sich ein Thema selbst erarbeitet. Gleichzeitig verringern sich bei ihm innerhalb kurzer Zeit Denkvermögen, Kritikfähigkeit und Kreativität. Das hat eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) festgestellt. (Vielen Dank an meine Schreibpädagogik-Kollegin und Psychologin Ulrike Scheuermann, Geschäftsführerin der esencia GmbH, über deren Newsletter denkanstoss ich auf diese Ergebnisse aufmerksam geworden bin.)

Menschen wollen interagieren, KI macht einsam

Warum ist das so? Wir Menschen sind soziale Wesen, wir wollen interagieren. Jeder ertappt sich gelegentlich dabei, wie er mit seiner Umgebung spricht, ob das der Hund ist, dem wir unsere Sorgen anvertrauen, die Spülmaschine, die möchte, dass wir das Sieb reinigen, oder das Auto, dem wir sogar Namen geben. Mit unserer Umgebung zu kommunizieren trägt dazu bei, dass unsere Fähigkeiten nicht nur erhalten bleiben. Sie werden sogar gefördert und darin liegt aus der Sicht von Fachleuten wie Ulrike Scheuermann auch eine Lösung für den Umgang mit KI: Sie raten dazu, beim Nutzen von KI eine soziale Komponenten einzubauen, sich also mit anderen über Ideen, Planungen und Ergebnisse auszutauschen.

Das wirkt zum einen der Vereinsamung entgegen, die entsteht, wenn man ausschließlich mit KI-basierten Programmen arbeitet. Zum anderen entspricht es der Intention von Schreiben, sei es in Wissenschaft, im Beruf, für die Information oder die Unterhaltung: Das Ziel ist, sich mit vorhandenen Erkenntnissen und Positionen auseinanderzusetzen und sie zu diskutieren. zurück

3. So baust du die soziale Komponente ein

Am meisten schadet deinem Gehirn, wenn du nur für dich allein, ohne Kontakte, deine Arbeit schreiben lässt. Wenn du sie also nutzen möchtest, solltest du diese Komponente einbauen. Überprüfe dafür zuerst, bei welchen Schritten das sinnvoll ist, und wann zusätzlich oder ausschließlich deine eigene Leistung gefordert ist. Am besten eignet sich aus meiner Sicht die Literatursuche, dort ist KI-Nutzung mittlerweile für ein gutes Ergebnis unerlässlich.

Austausch verhindert Vereinsamung

Aufgrund der Erkenntnisse der Forschung empfehle ich folgenden Dreischritt:

– Erarbeite dir jeden Schritt zunächst alleine und tausche dich anschließend über deine Erkenntnisse und Ergebnisse mit deinem Lern- bzw. Schreibpartnern aus.

– Beauftrage nun ChatGPT oder eine andere KI, das, was du gefunden hast, zu präzisieren, zu ergänzen oder infrage zu stellen.

– Überprüfe die Ergebnisse der KI und passe sie an dein Thema an, am besten im Austausch und der Diskussion mit anderen. Diese Menschen müssen sich übrigens nicht mit deinem Thema auskennen. Es reicht, wenn sie sich dafür interessieren.

Führe ein Arbeitsjournal, um den Austausch vorzubereiten. Das kann eine einfache Kladde, ein Heft oder ein Collegeblock sein. Darin hältst du deine Gedanken und Ideen, Ergebnisse der Erarbeitung und Schlussfolgerungen fest. Ich bevorzuge das Schreiben mit der Hand, weil dadurch zum einen mein Lern- und Denkprozess gefördert wird. Zum anderen ich darin auch Schaubilder anlegen oder mit kreativen Methoden arbeiten, deren Ergebnisse später in die Rohfassung einfließen. zurück


4. Das gewinnst du beim Schreiben ohne KI

Die Anwendungen einer KI für die einzelnen Schritte des Schreibprozess von Themenfindung bis Überarbeitung sind schon häufig beschrieben worden. In diesem Absatz zeige ich anhand des Erstentwurfs bzw. Rohfassung, welche Alternativen es gibt, um auf Ideen zu kommen und Inhalte zu generieren.

Der erste Entwurf eines Textes nimmt meist bis zu einem guten Drittel der Schreibzeit in Anspruch, deshalb wird er inzwischen gerne an eine künstliche Intelligenz ausgelagert. Unterschätzt wird, was es zurückgibt, wenn man sich selbst daran macht. Denn hier entwickelst du Ideen und Gedanken, Plot, Figuren und Konflikte. Du gibst deinem Denken eine Richtung und dadurch Struktur. Dabei schreibst du dich von Argument zu Argument, von Konflikt zu Konflikt, und merkst schließlich, dass du ein Teil deiner Disziplin bist, deines Fachgebiets und Genres. Was vorher nur in deinem Kopf war, wird lebendig und fügt sich zu einem logischen Ganzen zusammen.

Wir verlieren viel, wenn wir das Denken einer KI überlassen

Ich finde, wir verlieren viel, wenn wir dies einer KI überlassen. Nämlich die Chance, sich auszudrücken mit den eigenen Ideen und der ganz persönlichen Sicht auf ein wissenschaftliches oder literarisches Thema, eine gesellschaftliche Entwicklung oder ein Fachgebiet mit seiner Spezialisierung. Wenn dir KI das abnimmt, gehen deine Gedanken nie über das hinaus, was andere vor dir schon gedacht haben. Denn sie kann nur das wiedergeben, was sie im Netz findet. (Link zum vorherigen Blogartikel). Nur du kannst das ausdrücken, was in dir steckt, und deshalb plädiere ich dafür, sich mutig an die Arbeit zu machen. Siehe auch mein vorheriger Artikel .
zurück

5. So entwickelst du Inhalte ohne KI

Bewährt haben sich dafür kreative Techniken, die ich dir sehr ans Herz lege. Für die Ideenfindung und das Sammeln von Ideen eignen sich Brainstorming oder Clustering. Verschiedene Formen des Freewritings helfen, Gedankengänge zu entwickeln oder zu präzisieren. Damit wirst du unabhängig von künstlicher Intelligenz und das Beste daran: Sie zu nutzen, stachelt das Gehirn an, kreativ zu werden, und fördert so genau die Fähigkeiten, mit denen du in unserer Zeit punktest. Du erhältst und stärkst die Funktionsfähigkeit deines Gehirns.

Mit Stift und Papier Ideen finden

Für alle Methoden brauchst du lediglich Papier und einen Stift sowie einen Timer. Beim Brainstorming schreibst du deine Ideen untereinander in Kolumnen. Clustering geht einen Schritt weiter und zeigt die Verknüpfung von Ideen auf. Hier suchst du zu einem zentralen Wort oder Thema, das du in die Mitte des Blattes schreibst. Darum herum notierst du alles, was dir einfällt, immer nur einen oder maximal zwei Begriffe. Diese umkreist du und verbindest sie mit dem zentralen Thema sowie untereinander mit Linien, genauso, wie es dir in dem Moment richtig erscheint.

Für Textteile und die Präzisierung von Gedanken eignen sich offenes und fokussierte Freewriting oder auch Loopwriting. Das Freewriting empfehle ich, wenn du noch nicht weißt, worauf der Fokus eines Textteils liegt. Als Überschrift notierst du dein Thema und schreibst dann alles hin, was dir dazu einfällt D. h., Abschweifungen sind erlaubt, dein Gehirn übernimmt die Führung und wird garantiert unerwartet kreativ werden.

Das Fokussierte Freewriting eignet sich, um gezielt nachzudenken. Diesmal bleibst du bei deinem Thema, d. h., wenn deine Gedanken abschweifen, kehrst du innerhalb der Schreibzeit wieder zu ihm zurück. Hinterher schaust du, was sich gezeigt hat, und nutzt das Ergebnis für deinen Text oder beginnst ein weiteres, falls sich dabei ein neuer oder besserer Aspekt herauskristallisiert hat.

Das Loopwriting ist eine weiterentwickelte Form des fokussierten Freewritings und geeignet, um Ideen zu schärfen und auf den Punkt zu bringen. Hier teilst du die Schreibzeit in vier gleich große Teile auf, in denen du sowohl schreibst als auch das, was sich zeigt, reflektierst und deine Überlegungen in die nächste Schreibzeit mit aufnimmst.

Kreativität fördern mit Brainstorming, Clustering und Freewriting

Für alle Methoden gilt, sich nicht zu kritisieren und nicht zurückzuschauen oder gar Rechtschreibfehler zu korrigieren. Der Clou: Indem du dir den Timer deines Handys oder einen Küchenwecker auf wenige Minuten stellst, setzt du dich unter künstlichen Zeitdruck. Dein Gehirn wird dadurch zu Produktivität angeregt und liefert dir auch außergewöhnliche Ergebnisse, auf die du sonst nicht ohne weiteres kommen würdest.

Alle Methoden habe ich selbst ausprobiert, sowohl in den Beratungen als auch für mein eigenes Schreiben. Meine Kundinnen und Kunden sind durch die Bank überrascht und gleichzeitig glücklich darüber, was sie damit an Ideen und Text produzieren. Auch ich empfinde sie als wertvolles und mächtiges Werkzeug im kreativen Schreibprozess.

Über das Kontaktformular kannst du bei mir ein kostenloses Workbook anfordern. Schreib einfach Kreativ in die Betreffzeile und ich schicke es dir umgehend zu. Du findest darin einen Überblick über die verschiedenen Methoden und zu jeder eine genaue Anleitung. Damit kannst du sofort in die Arbeit einsteigen und erleben, wie viel an Vorwissen und Ideen in dir stecken, wenn du dir vertraust. Probiere aus, welche Methode für dich und den jeweiligen Schreibschritt Schreiben passt. Ich kann mir vorstellen, dass du mit einiger Erfahrung ChatGPT nur noch als Notnagel nutzt, wenn du überhaupt nicht mehr alleine weiterkommst. Auch in einer Beratung bei mir kannst du herausfinden, was du brauchst, um ohne gehirnschädigende KI zu Ideen und Inhalten zu kommen. zurück

6. KI in der Überarbeitung

Noch ein paar Worte zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Überarbeitung. Wer damit schon gearbeitet hat, hat es sicher gemerkt: Sie hat zwei Schwachstellen. Zum einen kann sie keinen roten Faden identifizieren oder beibehalten. Zum anderen ist sie nicht in der Lage, Inhalte auf hohem Niveau zu reflektieren. Deshalb funktioniert die inhaltliche Überarbeitung mit KI am besten, wenn du dich zuvor selbst mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Oder du nutzt für neue Erkenntnisse die oben beschriebenen kreativen Methoden.

KI schwächelt beim roten Faden und kann nicht reflektieren

Hinzu kommt, dass sie manchmal etwas erfindet, das sogenannte Halluzinieren, oder Inhalte liefert, die nur am Rande mit deinem Thema zu tun haben. Aus diesen Gründen musst du jeden Vorschlag überprüfen, bevor du ihn übernimmst. Das funktioniert nur, wenn du selbst tief in dein Thema eingetaucht bist. Du siehst, du kommt über die Auseinandersetzung und Einarbeitung mit deinem Thema nicht herum

Über die Stolperfallen bei der formalen Überarbeitung, sprich Sprache, Rechtschreibung, Zeichensetzung sowie Anmerkungen und Literaturliste, habe ich einen eigenen Artikel geschrieben, den du hier lesen kannst: https://jetzt-schreiben.de/was-programme-zum-korrekturlesen-leisten-und-was-nicht/ . An dieser Stelle nur so viel: KI übernimmt auch Fehler, weil sie oft die Grammatik nicht kennt und deshalb nicht entscheiden kann, was stimmt, oder eine etwas eigenwillige Vorstellung von Satzbau bzw. Ausdruck hat. zurück

7. KI untergräbt die Selbstwirksamkeit 

Tatsächlich scheint es einfacher und zeitsparender, KI beim Schreiben einzusetzen. Doch wie ich dir gezeigt habe, stehen dem Gewinn auch Verluste entgegen. Durch ihre Nutzung gehen nicht nur Denkfähigkeit, Merkfähigkeit und Kreativität verloren, sie macht unsere Welt auch ärmer an Ideen und Argumenten. Übergebe ich den gesamten Schreibprozess einem Programm, das nur das Wissen zusammensammelt, das es im Internet findet, also schon vorhanden ist, bleibt der Lerneffekt aus. Weder ich noch die Lesenden meines Textes erfahren etwas Neues. Wie genau KI arbeitet, habe ich in diesem Artikel beschrieben, den du hier lesen kannst. KI findet immer nur den Mainstream, aber nicht deine inhaltliche, emotionale und geistige Nische. Auch in mündlichen Prüfungen hilft sie dir nicht. Dafür musst du weiterhin selbst lernen.

KI verhindert das Gefühl der Befriedigung

Eine weitere gravierende Folge, die zu selten beachtet wird: Ich sehe auch und vor allem unsere Selbstwirksamkeit gefährdet und die Befriedigung, die dadurch erwächst, dass wir uns länger mit einer Aufgabe beschäftigen und sie erfolgreich abschließen. Wir wachsen nicht mehr, sondern machen uns klein gegenüber einem Programm, dessen Wissen sich aus dem Internet speist. Also aus dem, was andere sich erarbeitet haben. Wenn keiner mehr denkt, verharren wir über kurz oder lang in der Position von unmündigen Kindern, die sich alles von Erwachsenen vorschreiben lassen (müssen).

Vertraue auf deine geistigen Fähigkeiten

Lass dir deshalb nichts vormachen und vertraue auf dein Denkvermögen, deine Kreativität und deine Expertise. Ich sehe deshalb große Vorteile darin, sich im Schreibprozess zwar von einem Programm Schritten abnehmen zu lassen, die den Rechercheaufwand minimieren. Immer dann jedoch, wenn ich als Persönlichkeit gefragt bin und meine persönliche Sichtweise auf die Welt, werde ich das nicht aus der Hand geben. Bei meinem Krimi habe ich es ausprobiert, etwa bei der Beschreibung von Schauplätzen oder Personen. Letztendlich habe ich lieber mit Fotos gearbeitet und so viel gestrichen und umformuliert, dass vom ursprünglichen Vorschlag der KI so gut wie nichts übrig blieb. Ich habe dies als Umweg und Zeitverschwendung abgehakt.

Auch diesen Artikel habe ich gänzlich ohne KI erstellt. Ihn zu schreiben, hat viel Zeit in Anspruch genommen. Ich habe dafür Material gesucht, meine Ideen notiert, sie mit dem Thema zusammengebracht und weiterentwickelt. Aber jetzt bin ich zufrieden damit und habe etwas geschafft: Ich habe mich in der Diskussion über KI im Schreiben positioniert. Und das macht mich stolz. Dieses Gefühl wünsche ich dir auch! zurück

Wer dir hier schreibt:
Hallo, ich bin Sabine Staub-Kollera, Lektorin und Coach für Schreibende, die den Weg zum stimmigen Text lieber mit einem Menschen als einer KI gehen.

Über das Kontaktformular kannst du bei mir ein kostenloses Workbook zu den kreativen Techniken anfordern. Schreib einfach Kreativ in die Betreffzeile und ich schicke es dir umgehend zu. Du findest darin einen Überblick über die verschiedenen Methoden und zu jeder eine genaue Anleitung. Damit kannst du sofort in die Arbeit einsteigen.

Mit dem Erhalt willigt du gleichzeitig ein, meinen Newsletter zu abonnieren. Damit informiere ich dich über neue Blogartikel und besondere Aktionen. Er erscheint in unregelmäßigen Abständen, aber im Durchschnitt nicht mehr als einmal im Monat. Mit einer Mail an info@jetzt-schreiben.de kannst du dich jederzeit wieder davon abmelden.

Dir hat dieser Artikel geholfen oder du hast Anmerkungen dazu? Dann lass‘ es mich über das Kontaktformular wissen!

Credits:
MIT-Studie zu kognitiven Schulden durch KI-Nutzung: Kosmyna, N., et al. (2025): Your Brain on ChatGPT: Accumulation of Cognitive Debt when Using an AI Assistant for Essay Writing Task. DOI: 10.48550/arXiv.2506.08872 
-> Kerndokumentation und Zusammenfassung: “Your Brain on ChatGPT” vom MIT Media Lab, Juni 2025

Web-Seite von Ulrike Scheuermann: ulrike-scheuermann.de (der Link zum Artikel „KI gehirngerecht nutzen“ ist leider nicht verfügbar)

 

Posted by sabine, 0 comments

Was Rechtschreibkorrektur, KI und Co. beim Korrekturlesen leisten – und was nicht

Foto: IStock/ AndreyPopow

Jeder arbeitet heutzutage beim Korrekturlesen selbstverständlich mit Hilfsprogrammen, die verschiedene Formen künstlicher Intelligenz nutzen. Vielleicht fragst auch du dich, wie weit du damit kommst. Lies hier, wie weit du mit der Unterstützung von Autokorrektur, Rechtschreibprüfung, ChatGPT und Co. kommst und welche Fehler aus Sicht der Lektorin häufig übersehen werden.

Inhaltsverzeichnis

1. Das kann KI im Textprogramm

Rechtschreibkenntnisse gelten immer noch als Zeichen für Bildung, bei vielen Textsorten wie wissenschaftliche Arbeit, journalistischer Artikel, Buchmanuskript oder Text für die Homepage dienen sie quasi als vertrauensbildende Maßnahme und sind deshalb unerlässlich. Doch oft drängt die Zeit, der Abgabetermin naht und es fordert viel Spezialwissen, um eine fehlerlose Arbeit abzugeben.

Dankenswerterweise gibt es heute verschiedene Hilfen fürs Korrekturlesen, den letzten Schritt im Schreibprozess. Deshalb überlassen immer mehr Menschen das Korrigieren ihrer Texte einer künstlichen Intelligenz (KI). Wir haben uns angewöhnt, selbstverständlich mit den Programmen zu arbeiten, und verlassen uns auf sie. Meistens kann man das auch unbesehen.

Zu den bekanntesten Einsatzmöglichkeiten gehört die Autokorrektur. Sie erkennt, sofern du sie aktiviert hast, wenn du beim Schreiben Buchstaben verstellst, Beispiel: ewnn statt wenn. Solche Fehler korrigiert sie dann automatisch. Sie weiß zudem, dass im Deutschen nach einem Punkt das erste Wort großgeschrieben wird, und ändert sofort, wenn sie an der Stelle ein Kleingeschriebenes findet.

Die Rechtschreibprüfung wiederum zeigt dir falsch geschriebene Wörter an. Sie übernimmt die Schreibweise aus Lexika wie dem Rechtschreib-Duden und bietet dir verschiedene Korrekturmöglichkeiten an. Durch Anklicken entscheidest du, welche für den Text übernommen werden soll.

Chat-GPT und verwandte KI-Programme arbeiten nach einem ähnlichen Prinzip. Sie haben sich ihr Wissen anhand von großen Datenmengen erworben, sprich: aus vielen verschiedenen Texten, von denen das Rechtschreiblexikon nur einer ist. Der Unterschied: Du gibst deinen unkorrigierten Text ein und erhältst ihn korrigiert zurück. Im ersten Moment sind das praktische Funktionen. Wegen der Stolperfallen von deutscher Rechtschreibung und Grammatik halte ich es trotzdem für unumgänglich, das gelieferte Produkt danach zu überprüfen, ob tatsächlich alle Fehler gefunden wurden bzw. – was oft passiert – keine neuen fabriziert.

Auf welche häufigen Fehler du ein Auge haben musst, erkläre ich dir in den nächsten Abschnitten.
zum Inhaltsverzeichnis

2. Probleme mit Sinn oder Grammatik

Das führt uns zu den Grenzen der Programme: Ihre Nutzung funktioniert so lange gut, wie es in deinem Text keine Wörter mit unterschiedlichen Schreibweisen gibt oder solche, die zwar ähnlich aussehen bzw. identisch geschrieben werden, sich leider vom Sinn her unterscheiden.

Besonders häufig fällt mir das bei den Anredeformen auf. KI kann aus dem Satzbau nicht unterscheiden, ob es sich um ein Personalpronomen handelt, d. h. sie, ihr oder ihnen, das kleingeschrieben wird. Oder um eine der Anreden Sie, Ihr oder Ihnen, die man großschreibt. Das führt dazu, dass die Lesenden sich angesprochen fühlen, obwohl sie gar nicht gemeint sind.

Beispiel: Die Band spielte Ihre Songs mit Begeisterung.
Frage: Woher kennt die Band meine Songs und warum spielt sie nicht ihre eigenen ;-)?

Weitere Beispiele, gefunden auf Wikipedia: Statt dröge, einem anderen Ausdruck für langweilig, schlägt das Programm die Droge vor. Die Metalllegierung Zinn wertet es ebenfalls als Schreibfehler; laut Einschätzung des Programms gehört an die Stelle das Wort Sinn. Das passiert deshalb, weil es aus der Häufigkeit der Nutzung dieser Wörter in Sätzen Schlussfolgerungen zieht. Und sich dabei leider gelegentlich irrt. (So funktionieren auch die Formulierungsvorschläge auf Smartphones.)

Eine Regel im Deutschen, die Korrekturprogramme grundsätzlich nicht kennen: Nach einem Doppelpunkt wird das erste Wort immer groß geschrieben, sofern ein vollständiger Satz folgt. Weil solche differenzierte Vorschriften nicht zum Training gehören, kann die KI nicht entscheiden, wann ein Satz alle Teile enthält, um als vollständig zu gelten. Dafür müssen zwingend Subjekt, Prädikat und eine Ergänzung, etwa in Form eines Objekts oder eines Adverb, vorhanden sein. Zwei Beispiele:
1. ein vollständiger Kurzsatz: Das Programm kennt nichts. Deshalb wird nach dem Doppelpunkt großgeschrieben.
2. der gleiche vollständige Satz ergänzt durch die Erläuterung des Wortes nichts: Das Programm kennt nicht alle Feinheiten der deutschen Grammatik.

Diese Beispiele zeigen: Das Rechtschreibprogramm findet vieles, aber nicht alles. Verlässt du dich ausschließlich darauf, setzt du dich der Gefahr aus, einen fehlerhaften Text abzuliefern.

Mein Tipp: Die Rechtschreibprüfung ist eine gute Vorbereitung auf die Schlusskorrektur. Um völlig sicher zu gehen, beauftrage zusätzlich einen Menschen, der sich mit Rechtschreibung auskennt. Dann bekommst du wegen zu vieler Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler keine Abzüge bei der Note. Schau dir auch mein Angebot an https://jetzt-schreiben.de/lektorat-korrektorat/ und nimm Kontakt für ein unverbindliches Kennenlerngespräch auf, wenn du mit mir zusammenarbeiten möchtest https://jetzt-schreiben.de/kontakt/.

Fun-Fact: Ich habe meine Magisterarbeit vor fast 40 Jahren von meinem damaligen Freund Korrekturlesen lassen, leider ohne seine Legasthenie zu berücksichtigen. Das Ergebnis: 105 Fehler auf 108 Seiten, also beinahe auf jeder Seite einer. So viele hatte ich bis dahin noch nie in einem Text.

Das gab natürlich Minuspunkte für die Form und Abzüge bei der Note. Selbst schuld, deshalb habe ich die Verantwortung übernommen. Und daraus gelernt: Bevor ich jemanden mit dem Korrekturlesen beauftrage, prüfe ich genau, ob dieser Mensch auch über die nötigen Fähigkeiten fürs Korrigieren verfügt. Und je wichtiger der Text ist, desto lieber bezahle ich dafür.
zum Inhaltsverzeichnis

 

3. Die korrekte Verbform – Schwierigkeiten mit der Kongruenz

Weitere Schwierigkeiten zeigen sich bei der Entscheidung für die richtige Verbform. Im Deutschen gilt die Regel, dass die Formen von Prädikat und Subjekt übereinstimmen müssen, also dem Verb im Satz und dem Substantiv, auf das sich alles bezieht. Das nennt man Kongruenz.

Mir ist es passiert, dass das Rechtschreibprogramm den Satz »Warum hatte die Tote eine der Schubladen abgeschlossen?« bemängelt hat. Es schlug vor, die dritte Person Plural zu verwenden, also hatten, statt, wie ich geschrieben hatte, der dritten Person Singular. Doch der Satz ist korrekt, weil sich das Verb auf eine weibliche Tote bezieht und nicht auf mehrere Tote.

Mein Tipp: Dieses Problem kannst du manuell abstellen, wenn du an der betreffenden Stelle mit der rechten Maustaste das Kontextmenü aufrufst und den Befehl Nicht auf dieses Problem untersuchen anklickst. Sonst erscheint die Meldung bei jedem Öffnen des Textes wieder.

Die Entscheidung, welche Form die richtige ist, nimmt dir die KI nicht ab. Deshalb lies deinen Text nach Abschluss der Korrekturphase selbst noch einmal sorgfältig durch. Sonst riskierst du, dass Fehler stehenbleiben. Wenn du dir unsicher bist, frag jemanden, der sich damit auskennt, und schau dir auch gerne mein Angebot an: https://jetzt-schreiben.de/lektorat-korrektorat/.

 

4. Warum KI so schlecht zwischen dass und das unterscheiden kann

Für Menschen ist gar nicht so schwer zu erkennen, ob nach einem Komma das oder dass korrekt ist. Die Rechtschreibkorrektur von Word dagegen kann die Regeln nicht anwenden und meldet deshalb oft Fehler, obwohl die Schreibweise stimmt.

Für eine KI wie ChatGPT stellen diese beiden kleinen Wörter sogar eine richtige Herausforderung dar. Die Ursache: Die Programme werden mit großen Mengen an Texten gefüttert, damit sie die korrekte Schreibweise lernen. Naturgemäß sind diese nicht fehlerfrei. Anhand des Gelernten treffen sie später ihre Entscheidungen. Die Fehler werden also potenziert, solange sie niemand korrigiert. Mittlerweile kann der Algorithmus nicht mehr erkennen, was richtig und was falsch ist.

Mit der Zeit lernen KIs dadurch immer häufiger von Texten, die sie selbst korrigiert haben, seien diese richtig oder falsch. Je mehr dadurch Fehler produziert oder übersehen werden, desto seltener stimmt die Rechtschreibung.

Mein Tipp: Gerade bei der Unterscheidung von das und dass bist du auf der sicheren Seite, wenn du dir die Regeln aneignest. Diese erkläre ich dir im nächsten Abschnitt.

5. Kleine Rechtschreibschule zu das und dass

Regel 1: Bei das mit einem s handelt es sich um einen bestimmten Artikel. Nach einem Komma ersetzt dieser im Nebensatz das Subjekt aus dem Hauptsatz. Das gilt auch für die anderen beiden Artikel die und der. Bei dieser Satzkonstruktion nennt man den Nebensatz einen Relativsatz.

Merke: Immer, wenn sich für das nach dem Komma der bestimmte Artikel einsetzen lässt, brauchst du nur ein s.

Beispiel 1: »Sie verlangen Aufklärung darüber, wie das Mietobjekt genutzt wird, das wir angeblich im Jahr 2020 erworben haben.«
Erläuterung: In dem Satz bezieht sich das auf das Mietobjekt, es handelt sich um einen Relativsatz. Also ist ein s korrekt. (Fun-Fact: Word markierte diesen Satz aus einem Brief an das Finanzamt tatsächlich als falsch und schlug stattdessen dass vor.)

Regel 2: dass mit zwei s kann sich auf das Verb oder das Subjekt des Hauptsatzes beziehen. Es steht immer am Anfang eines Ergänzungssatzes.

Beispiel 2 Subjekt: Alle erkennen spätestens ab der siebten Klasse im Deutschunterricht, dass deutsche Grammatik nicht einfach ist.
Erläuterung: das würde nicht passen, weil sich dass auf das Verb erkennen bezieht und nicht auf das Subjekt Alle.

Beispiel 3 Verb: Ich versichere, dass ich diesen Artikel nach besten Wissen und Gewissen geschrieben habe.
Erläuterung: Die Konjunktion dass bezieht sich auf das Verb schreiben am Satzende. Es gibt kein Subjekt, zu dem sie gehört.

Merke zu Bsp. 2 und 3: Hier wird jeweils das Verb genauer erläutert, nicht das Subjekt ersetzt. Also sind zwei s korrekt.

Gerade, weil die Anwendung von das und dass grammatikalisch so einfach zu unterscheiden ist, lohnt es sich, die Regeln zu lernen. Wenn du Relativsätze erkennst, vermeidest du viele Fehler in deinem Text, die KI und Rechtschreibprüfung nicht finden.

Für alle, die dafür zu wenig Zeit haben, gibt es Profis wie mich, die ihrem Text den letzten Schliff geben https://jetzt-schreiben.de/lektorat-korrektorat/ .
zum Inhaltsverzeichnis

 

6. Unbekannte Wörter überfordern Programme 

Der deutsche Wortschatz ist so groß, dass selbst einem Rechtschreibprogramm, das mit dem Duden trainiert wurde, manches unbekannt ist.
Dazu ein Beispiel aus meinem Irland-Krimi:
»Reilly hat mich direkt an der Zapfsäule erwischt«, beichtete er.

Word markierte das Verb beichtete als falsch und schlug berichtete vor. Das Programm kannte das Wort beichten im Imperfekt nicht, also in seiner Vergangenheitsform. Das halte ich für einen Fehler, den man beim Gegenlesen leicht übersieht, weil die Worte sich sehr ähneln und nur durch ein r in der Mitte unterscheiden. In diesem Fall hat das Programm zum Glück vorher gefragt, ob ich das ändern möchte. Wollte ich natürlich nicht.

Mein Tipp: Dieses Problem besteht schon seit Jahren, fraglich, ob überhaupt und, wenn ja, wann der Hersteller es behebt. Deshalb nicht über Fehlermeldungen hinweg lesen, sondern korrigieren oder manuell abstellen, wie oben unter Punkt 3 beschrieben.

Fürs genaue Lesen und Spezialfälle der deutschen Grammatik stehe ich dir zur Verfügung. Schau hier nach meinem Angebot https://jetzt-schreiben.de/lektorat-korrektorat/ .
zum Inhaltsverzeichnis

 

7. Der richtige Zeitpunkt fürs professionelles Korrekturlesen

Die Hilfe einer KI ist angenehm und sinnvoll, solange man erkennt, wo ihre Grenzen liegen. Sie beherrscht die Basics und nimmt Schreibenden damit viel Arbeit ab, aber diese werden immer mehr verwässert durch fehlerhafte Texte. Deshalb setzte sie ein und sei dir der Risiken bewusst .

Mein Tipp: Alle beschriebenen Probleme nerven und halten beim Fertigstellen eines Textes auf. Nimm Korrekturlesen deshalb immer als Arbeitsschritt in die Zeitplanung mit auf und veranschlage dafür zehn Prozent der gesamten Arbeitszeit. Hast du etwa bei einer wissenschaftlichen Hausarbeit sechs Wochen für den gesamten Schreibprozess eingeplant, dann halte dreieinhalb Tage ausschließlich fürs Korrekturlesen und Korrigieren frei.

Oft aber fehlt die Zeit, nach Fertigstellung des Textes alles selbst in Ruhe durchzugehen. Deshalb frage rechtzeitig jemanden an zum Gegenlesen. Das kann jemand aus deinem Freundeskreis sein, ein Mensch, der Deutsch studiert hat, oder eine Person aus der Nachbarschaft, die sich immer über Schreibfehler in der Tageszeitung aufregt.

Auf Nummer sicher gehst du mit jemand Professionellem wie mir, die sich im Laufe ihrer Berufstätigkeit eine große Expertise in Sachen Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung erworben hat. Natürlich kostet das Geld und auf jeden Fall mehr, als die großen Portale ihren studentischen Hilfskräften bezahlen.

Doch es ist gut investiert, weil im Korrektorat nicht nur ein Rechtschreibprogramm über deinen Text läuft: Ich setze mich mit ihm Seite für Seite auseinander. Dabei denke ich mich auch in dein Thema ein und weise dich darauf hin, wenn ich gravierende Lücken, Brüche oder Widersprüche entdecke.

Direkt zu meinem Angebot fürs Korrekturlesen: https://jetzt-schreiben.de/lektorat-korrektorat/
zum Inhaltsverzeichnis

Wer dir hier schreibt: Hallo, ich bin Sabine Staub-Kollera, Lektorin und Coach für Schreibende, die den Weg zum stimmigen Text lieber mit einem Menschen als einer KI gehen.

Dir hat dieser Artikel geholfen oder du hast Anmerkungen dazu? Dann lass es mich über das Kontaktformular wissen!

Demnächst liest du hier, wie du ohne KI mit kreativen Methoden Inhalte generieren kannst. Und wie du deine Texte mit einem echten Menschen als Gegenüber durch Peer-Feedback überarbeitest statt einsam mit einer KI.

Fotos: IStock/AndreyPopow und privat

 

Posted by sabine in Schreibprozess, Tipps fürs wissenschaftliche Schreiben, Überarbeitung, 0 comments

Wie du trotz schlechter Deutschnote gute wissenschaftliche Arbeiten schreibst

Immer wieder kommen Menschen zu mir, die Angst vor dem wissenschaftlichen Schreiben oder sogar dem Schreiben an und für sich haben, weil sie in der Schule eine schlechte Note im Fach Deutsch hatten. Warum das kein Hinderungsgrund ist, dein Studium abzuschließen, und wie du erfolgreich eine wissenschaftliche Arbeit schreibst, erfährst du in diesem Artikel.

*In diesem Artikel verwende ich nur weibliche Formen. Alle anderen Geschlechter sind natürlich mitgemeint.

Inhaltsverzeichnis

1. Schlechte Erfahrungen wirken lange nach

2. Äußere Bedingungen beeinflussen das Schreiben

3. Schubladendenken – eine Ursache für schlechte Noten

4. Wissenschaftliches Schreiben ist individueller

5. Der Schreibprozess – das geniale Mittel gegen Schreibangst

6. Deshalb wirkt der Schreibprozess

7. Schritt für Schritt ins Schreiben kommen

8. Mein Angebot an dich

 

1. Schlechte Erfahrungen wirken lange nach

Manche Erlebnisse in der Schule begleiten uns ein ganzes Leben lang, etwa schlechte Noten oder demotivierendes Feedback im Deutschunterricht. Auch zu mir kommen wieder Kundinnen, die sich nicht zutrauen, ihre Facharbeit, Bachelorarbeit oder sogar Masterarbeit zu schreiben. Sie fühlen sich unwohl, wenn sie an ihren Studienabschluss denken, weil die Erfahrungen lange nachwirken.

Das führt oft dazu, dass sie fast ausschließlich Veranstaltungen belegen, in denen das Wissen mit einer Klausur abgeprüft wird. Oder sie suchen sich jemanden, der die Arbeit für sie schreibt, wenn es nötig wird. Dadurch, dass sie das Schreiben während des Studiums nicht üben, wird die Angst vor dem Abschluss immer größer. Sie zögern ihn heraus, indem sie die Regelstudienzeit überziehen, oder brechen das Studium ganz ab. Oder der Nebenjob zur Finanzierung des Studiums wird immer umfangreicher und plötzlich fehlt die Zeit, das Schreiben der Arbeit, den letzten Schritt, anzugehen.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

2. Äußere Bedingungen beeinflussen das Schreiben

Schauen wir uns das Schreiben in der Schule genauer an: Bei den Textsorten im Unterricht eignest du dir vor der Klausur Wissen an. Du lernst die Merkmale einer Gattung, etwa der Erörterung oder der Gedichtinterpretation, und übst anhand eines Themas bzw. eines literarischen Werks, sie zu verfassen.

In der Klausur wirst du mit einem unbekannten Gegenstand konfrontiert und musst unter Zeitdruck handschriftlich zu vorgegebenen Fragen die Textsorte umsetzen. Das wird mühsam, wenn man mit einem Roman oder Gedicht nichts anfangen kann, oder mit der Aufgabe, zu dem du Stellung nehmen sollst. Außerdem hast du nur den einen Versuch und keine Gelegenheit, nachzubessern.

Frust stellt sich ein, weil du dir etwas ausdenken musst oder Halbwissen wiedergibst. Verständlich, dass die Textqualität leidet und mit der schlechten Note hinterher allmählich die Überzeugung wächst, du könntest nicht schreiben.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

3. Schubladendenken – eine Ursache für schlechte Noten

Doch oft ist ein Grund für die Beurteilung mit vier oder schlechter, dass du nicht schreibst, was die Lehrperson gerne lesen möchte. Das ist völlig normal: Auch Lehrerinnen sind nur Menschen, haben ihre Stärken und Schwächen. Von ihrem Wohlwollen bist du abhängig, sie kennt dich oft schon seit Jahren und stecken dich eventuell (leider) in eine Schublade. Auch Vorurteile gegen bestimmte Nationalitäten können nachgewiesenermaßen eine Rolle bei schlechten Noten spielen. Ich darf das sagen, ich habe selbst eine Zeit lang in dem Beruf gearbeitet. Selbstreflexion erfordert Zeit und wird von dieser Berufsgruppe nur bedingt eingefordert.

Der Unterrichtsstil kann ein weiterer Baustein für Schreibfrust sein: Man muss mit der Art, wie jemand erklärt, zurechtkommen, die Gedanken nachvollziehen können und verstehen, was wichtig ist und was nicht. Hinzu kommt, dass nicht jede Lehrperson bei jedem Thema in der Lage ist, das deutlich zu vermitteln. Auch sie können nicht mit allem etwas anfangen, müssen es aber unterrichten.

Abschreckend kann auch wirken, dass das wissenschaftliche Schreiben auf den ersten Blick der  Textsorte Erörterung ähnelt. Verständlich, dass diejenigen mit den schlechten Erfahrungen schließlich davor zurückscheuen wie ein Springpferd vor einem Hindernis, über das es sich nicht traut. Zumal, weil es hier noch um viel längere Texte geht, für die man ausreichend Zeit investieren muss.

Auf den ersten Blick liest sich das demotivierend. Doch ich habe es oft genug erlebt, dass sich diese Erfahrungen überwinden lassen, und jemand mit Unterstützung seine Abschlussarbeit erfolgreich schreibt! Lies weiter, damit du verstehst, was dir helfen kann.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

4. Wissenschaftliches Schreiben ist individueller

Die erste gute Nachricht: Beim wissenschaftlichen Schreiben kannst du vieles auf dich und deine Interessen anpassen. Dadurch bist du weniger abhängig von den Vorlieben deiner Betreuerin. Angefangen mit dem Thema, das überwiegend die Studierenden auswählen, und dem speziellen Fokus darauf. Sollte es vorgegeben sein, hast du meistens die Möglichkeit, es abzulehnen, wenn du gar nichts damit anfangen kannst. Denn die Universitäten und Hochschulen wollen nicht, dass Studierende abbrechen, die bereits alle Credit Points gesammelt haben.

Ein weiterer Pluspunkt: Den Text zu überarbeiten, ist ausdrücklich erwünscht. Ob du das parallel zum Schreiben neuer Kapitel einbaust oder dafür ganz am Schluss Zeit reservierst, bleibt dir überlassen

Zudem ist wissenschaftlich Schreiben sehr formal, das erleichtert das Schreiben. Sowohl der Aufbau der ganzen Arbeit ist vorgegeben als auch die Gliederung der Kapitel und die Art der Argumentation. Vielen fällt es durch dieses Gerüst sogar leichter als eine Gedichtinterpretation oder eine Figurencharakterisierung.

Anders als in der Schule benutzt du Sekundärliteratur und musst dir nichts aus den Fingern saugen. Wenn du dabeibleibst, wird das Schreiben von Kapitel zu Kapitel immer einfacher.

Ein weiterer Stolperstein könnte dein Selbstanspruch sein. Mach dir bewusst, dass es mit dem Schreiben genauso ist wie mit einer neuen Sportart oder wenn man ein Instrument lernt: Es braucht Übung, deshalb gibt dir die Zeit, es zu lernen. Das weiß auch deine Betreuerin, sie erwartet einen korrekten Aufbau und eine solide Argumentation mit sachlicher Sprache. Und keine Brillanz wie von ihren Kollegen oder sich selbst.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

5. Der Schreibprozess – das geniale Mittel gegen Schreibangst

Das absolut geniale Mittel auf dem langen Weg zur fertigen Arbeit ist allerdings der Schreibprozess: Darunter versteht die Schreibforschung, den Erarbeitungsprozess eines Textes in einzelne Schritte zu unterteilen. Mit seiner Hilfe wird es viel leichter, diese große Aufgabe Abschlussarbeit zu bewältigen, und die Angst vor dem sprichwörtlich leeren Blatt schwindet und wird beherrschbar.

Der Schreibprozess gliedert sich in drei grobe Phasen, die jede wieder mehrere Schritte umfasst. Niemand hat Probleme bei allen Schritten, bestimmt gibt es welche, die dir leichter fallen als andere. Durch diese Unterteilung sind die Schwierigkeiten leichter zu identifizieren und zu anzugehen.

Phase 1: Erarbeitung des Themas

Du beginnst damit, das Thema bearbeitbar zu machen. Alle Schritte dieser ersten Phase sind darauf ausgerichtet, das Thema weder zu weit zu fassen noch wichtige Aspekte zu vergessen. Mittel sind die übergeordnete Forschungsfrage und weitere Unterfragen, aus denen sich die erste grobe Gliederung ergibt.

Du kannst die benötigte Zeit für die einzelnen Schritte besser abschätzen und wirst dadurch sicherer, den Abgabetermin einzuhalten. Die Arbeitszeit wird anhand dreier Parameter berechnet: der Länge der Arbeit, der Zeit, die dir pro Tag zur Verfügung steht, sowie deinem Arbeitstempo.

Du sichtest die Literatur und hast nun alles zusammen, um ein Exposé zu schreiben. Diese eine Seite ist unschätzbar wertvoll aus zwei Gründen: Es hilft dir zum einen, immer wieder nachzuschauen, ob du noch an deinem Thema arbeitest. Zum anderen triffst du damit quasi eine Arbeitsvereinbarung mit dir selbst, die deinem Gehirn signalisiert, dass du der Aufgabe zugestimmt hast.

Die Kurzbeschreibung deines Arbeitsvorhabens im Exposé hilft dir zudem, weitere passende Literatur zu finden und sie anhand der Forschungsfragen zu exzerpieren und du kannst sie für die Einleitung nutzen. Zuletzt ist sie eine gute Besprechungsgrundlage mit deiner Betreuerin. Alle Schritte bis hierhin brauchen etwa das erste Drittel deiner Zeit.

Phase zwei: Den Erstentwurf schreiben

In der zweiten Phase schreibst du den Erstentwurf, erarbeitest Kapitel für Kapitel die Rohfassung deiner Arbeit. Als Zeitrahmen kannst du dafür etwa wieder ein Drittel der gesamten Zeit reservieren. Ziehe alles hinzu, was du dir vorher erarbeitet hast: die Gliederung, Exzerpte, Notizen zu Argumenten, fertige Teile aus einer Präsentation.

Ziel ist nicht, einen perfekten Text zu haben, sondern dein Thema aus deiner Sicht zu verschriftlichen, von der Schreibforschung writer-based prose genannt. Du stellst eine Behauptung nach der anderen auf, belegst oder erklärst sie mit der Sekundärliteratur und schlussfolgerst schließlich für jedes Argument, was diese Inhalte für deine Arbeit bedeuten.

Der Schluss beantwortet deine übergeordnete Forschungsfrage. Du fasst die Erkenntnisse zusammen, ordnest ein, wofür sie gelten oder nicht, und auch, welche Fragen offenbleiben müssen für eine zukünftige Bearbeitung.

Phase 3: Die Überarbeitung

Auch die Überarbeitung besteht aus drei Schritten: der inhaltliche Durchgang, der sprachliche und abschließend der für die formale Richtigkeit. Plane auch dafür noch mal ein Drittel der Zeit ein.

Am wichtigsten ist die inhaltliche Überarbeitung, bei der du kontrollierst, dass die Arbeit vollständig ist. Dafür überprüfst du deine Argumente und ergänzt sie.

Anschließend geht es um Lesbarkeit und wissenschaftliche Sprache. Dieser soll sicherstellen, dass deine Leserinnen die Inhalte verstehen. Das nennt man reader-based prose.

Zuletzt wird der Text gegengelesen auf Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik und darauf, ob das Literaturverzeichnis vollständig ist.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

6. Deshalb wirkt der Schreibprozess

Ich empfinde die Unterteilung in viele Schritte als große Entlastung. Anders als bei einer Klausur muss nicht gleich alles beim ersten Versuch perfekt auf dem Papier stehen. Zwar ist es ebenfalls eine Art Prüfungssituation, in der du beweist, dass du gelernt hast, ein Thema auf wissenschaftliche Art zu untersuchen und zu verschriftlichen. Doch du hast bis zur Abgabe viele Gelegenheiten zum Nachbessern. Natürlich geht es auch damit nicht von alleine, doch du kannst das Schreiben dadurch entspannter angehen. Auch, weil du dir anders als in einer Klausur immer wieder bei Experten Hilfe holen darfst. Du weißt, du bist nicht auf dich gestellt, und das nimmt eine Menge Druck heraus!

zurück zum Inhaltsverzeichnis

7. Schritt für Schritt ins Schreiben kommen

Schließlich ist es geschafft, du darfst dich feiern: Nach intensiven Wochen, in denen du tief in dein Thema eingestiegen bist, hast du die fertige Arbeit vor dir liegen. Die einzelnen Schritte des Schreibprozesses sind dir wahrscheinlich unterschiedlich leicht oder schwer gefallen. Das liegt daran, dass jede auf ihre individuelle Art an sie heran geht.

Deshalb ist es völlig normal, wenn du zum Beispiel sofort ein Thema hattest, aber länger an der Gliederung gesessen bist. Oder zuerst nicht wusstest, wie du die Informationen aus der Sekundärliteratur verarbeiten sollst oder Befürchtungen hattest, dein Schreibstil sei nicht wissenschaftlich.

Feedback einzuholen gehört auch zum Schreibprozess: Nimm die Besprechungstermine deiner Betreuerin in Anspruch. Das macht dich sicherer, dass deine Arbeit den Anforderungen genügt. Solltest du auf ein Problem stoßen, das eine ausführlichere Beratung braucht, wende dich an das Schreibzentrum deiner Uni oder eine Schreibberaterin bzw. Korrektorin deiner Wahl.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

8. Mein Angebot an dich

Als ausgebildete Schreibberaterin (Pädagogische Hochschule Freiburg) mit Schwerpunkt Wissenschaftliches Schreiben habe ich mittlerweile fast 20 Jahre Erfahrung in Schreibberatung, Textfeedback und Korrekturlesen von Abschlussarbeiten und Dissertationen. Du kannst mit allen im Artikel angesprochenen Problemen zu mir kommen.

Allen mit kleinem Budget empfehle ich das Powerpaket Abschlussarbeit, drei Beratungen zum Sonderpreis für Studierende. Alle Details meines Angebots findest du über diesen Link: Leistungen und Honorar.

Ein Hinweis zu den Grenzen der Begleitung: Schwierigkeiten mit dem Schreiben können auch ein Ausdruck tieferliegender Probleme sein, die die Arbeitsfähigkeit behindern, etwa Trennung, Tod einer Angehörigen oder ein altes Trauma. Meine Fähigkeiten enden hier, Schreibberatung kann nicht helfen, es zu überwinden. Sollten wir in der gemeinsamen Arbeit darauf stoßen, werde ich dir raten, dich an eine Psychologin oder eine psychotherapeutische Beratungsstelle zu wenden.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Posted by sabine in Schreibprozess, wissenschaftlich Schreiben, 0 comments