Fragst du dich manchmal, ob du deine Geschichte in der passenden Erzählperspektive geschrieben hast oder dich besser für eine andere entschieden hättest? Tatsächlich ist es wichtig, sich vorab damit auseinanderzusetzen. Weil sie bestimmt, wie du etwas preisgeben kannst, sei es über eine Person, das Setting oder den Verlauf der Handlung. In diesem Artikel habe ich für dich zusammengestellt, welche Überlegungen der Wahl der Perspektive für einen Text vorausgehen sollten, damit du die passende findest und deine Lesenden dem Plot gespannt folgen.
Inhaltsverzeichnis
- Die drei Perspektiven eines Texts
- Wann die Frage, ob das noch dein Text ist, auftauchen kann
- Die häufigsten Perspektivfehler
- Mit Schreiberfahrung Perspektivgrenzen erweitern
- Die Erzählperspektiven im Lektorat
1. Die drei Perspektiven eines Textes
Ein entscheidender Faktor für die Wirkung eines Textes ist die Perspektive, aus der erzählt wird. Im Deutschunterricht in der Schule haben wir die grobe Unterteilung in drei Perspektiven gelernt:
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- die auktoriale Perspektive, also die allwissende Erzählperson,
- die personale Perspektive, die in der dritten Person Singular aus der Sicht einer oder mehrerer Figuren erzählt, und
- die Ich-Perspektive, in der eine Figur spricht, meistens die Hauptfigur, manchmal auch mehrere Figuren.
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2. So entscheidest du dich für die passende Erzählperspektive
Frage dich vorab: Was willst du mit der Perspektive erreichen oder bewirken?
Sollen deine Lesenden die Geschichte mit deiner Hauptfigur miterleben? Dann sind die personale oder die Ich-Perspektive passend. Dadurch erfahren wir alles gefärbt durch ihre Brille und nur so viel, wie sie weiß oder vermutet.
Gibt es eine eindeutige Hauptfigur oder mehrere gleichrangige Figuren? Dann passen ebenfalls die personale oder die Ich-Perspektive am besten.
Schau dir an, wie komplex der Plot ist: Je mehr er sich verzweigt oder je mehr Personen vorkommen, desto zielführender ist es, aus der personalen oder auktorialen Perspektive zu erzählen. Sonst wird es knifflig, alle nötigen Infos unterzubringen und die Spannung aufrechtzuerhalten.
Darüber hinaus bestimmen die Erwartungen an das Genre und die jeweilige Zielgruppe die Perspektive. So wählen Autor:innen für ihre Coming-of-Age-Geschichten oder Psychothriller meistens wegen des subjektiven Blickwinkels die Ich-Perspektive. Familiengeschichten oder Gesellschaftsromane dagegen haben oft eine allwissende Erzählstimme, um die unterschiedlichen Sichtweisen einzubringen.
Alles in allem ist die Perspektive eine bewusste Entscheidung, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Sie muss außerdem zu deinem Schreibstil, deiner Autor:innenpersönlichkeit und zu deinen Fähigkeiten passen.
Wie entscheidest du nun, wer die ganze Geschichte oder nur die jeweilige Szene erzählt? Ein Kriterium könnte sein, die Person zu nehmen, die am meisten zu lernen oder zu verlieren hat. Oder die Figur auszusuchen, die den jeweiligen Konflikt am intensivsten erlebt. Beim multiperspektivischen Erzählen kann das auch eine Nebenfigur sein.
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3. Die häufigsten Perspektivfehler
Wenn deine Lektor:in dich auf Perspektivfehler hinweist, kann das unter anderem folgende Gründe haben:
1. Eine deiner Figuren nimmt etwas wahr, was sie eigentlich nicht wissen kann: Das ist der häufigste Fall und bedarf nur einer kleinen sprachlichen Änderung. Wie, zeigt dir deine Lektoratsperson. Hier zwei Beispiele für einen Text in der Ich-Perspektive:
| Perspektivfehler | Mögliche Korrektur |
| Der Schulleiter machte ein belustigtes Gesicht.
Erläuterung: Unsauber, die Ich-Erzählerin kann nicht wissen, aus welchem Grund er so schaut. |
Der Schulleiter verzog den Mund, als ob ihn meine Bemerkung belustigte.
Erläuterung: Mit dem Konjunktiv drückt die Ich-Erzählerin eine Vermutung aus. |
| Anschließend lehnte er sich mit verschränkten Armen zurück, um zu signalisieren, dass er keine Fragen wünschte.
Erläuterung: Auch das kann die Ich-Erzählerin nicht wissen. |
Anschließend lehnte er sich mit verschränkten Armen zurück, wie um zu signalisieren, dass er keine Fragen wünschte.
Erläuterung: Mit dem Vergleich drückt die Ich-Erzählerin eine Vermutung aus. |
2. Es ist unklar, wer die Geschichte erzählt: Das verhindert die Identifikation mit einer Figur und führt im schlimmsten Fall dazu, dass dein Buch weggelegt wird. Denn wenn ich nicht weiß, wem ich folgen soll, bin ich verwirrt oder gelangweilt.
3. Die Wechsel sind nicht deutlich genug: Dadurch wissen deine Lesenden nicht, wer gerade spricht. Auch das kann dazu führen, dass jemand nicht weiter liest.
Wegen der gravierenden Folgen für den Plot einer Geschichte ist es wichtig, besonders die letzten beiden im Lektorat bzw. in der Überarbeitung aufzuspüren.
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4. Mit Schreiberfahrung Perspektivgrenzen erweitern
Mein Rat für Schreibanfänger:innen und alle ohne professionelles Lektorat: Bleibe pro Szene bei einer Perspektive. Damit erreichst du, dass deine Leser:innen deiner Geschichte und den einzelnen Sichtweisen problemlos folgen können. Es gibt zwar renommierte Schreibende, die aufgrund ihrer vielen Erfahrung sogar innerhalb einer Szene damit spielen können Doch kommen diese meistens aus dem Drehbuchschreiben und beherrschen Perspektivwechsel deshalb – und wegen ihrer vielen Erfahrung – aus dem Effeff. Du kannst dieses Schema also auch brechen, doch nur wenn du dir sicher bist, dass du es beherrschst. Wie immer ist Expertise die Voraussetzung, um die Grenzen zu erweitern.
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5. Die Erzählperspektiven im Lektorat
Es deinen Leser:innen so leicht wie möglich zu machen, ist das Ziel eines Lektorats. Deine Lektoratsperson wird deshalb immer auch auf die Perspektive achten und dir als Prototyp der kritischsten Leserin aufzeigen, wie dein Text dadurch wirkt bzw. wo du nachbessern musst. Was du davon übernimmst, ist deine Entscheidung.
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Wer dir hier schreibt:
Hallo, ich bin Sabine Staub-Kollera, Lektorin und Coach für Schreibende, die den Weg zum stimmigen Text lieber mit einem Menschen als einer KI gehen. Und außerdem selbst Autorin.
Nach einer Fortbildung kürzlich habe ich die Erzählperspektive in die letzte Überarbeitungsrunde meines Irland-Krimis aufgenommen. Dieser Arbeitsschritt an meinem eigenen Text kommt wiederum dir zugute, weil ich dadurch Perspektivfehler auch in deinem Text noch präziser aufspüre.
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