Umgang mit Feedback

Ist das noch mein Text und, wenn ja, warum?

Eine der häufigsten Fragen, die mir gestellt werden, lautet: Wenn du in meinem Text so viel anmerkst, wie viel bleibt eigentlich noch von meinen Ideen übrig? Oder anders gesagt: Ist das nach Lektorat und Überarbeitung überhaupt noch mein Text?

In diesem Artikel erfährst du, wann die Frage auftauchen kann, was dahinter stecken kann und wie du mit ihr produktiv umgehst.

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Was im Gehirn passiert, wenn die Frage auftaucht
  2. Wann die Frage auftauchen kann
  3. Mit Selbstzweifeln umgehen
  4. Die Verantwortung für den Text bleibt bei dir
  5. Viele Gründe können den Erfolg eines Lektorats behindern
  6. Ein guter Text braucht Zeit

1. Was im Gehirn passiert, wenn die Frage auftaucht

Wir alle können aus der Schulzeit von schlechten Rückmeldungen berichten, die wir mal mehr, mal weniger verarbeitet haben. Die Lehrpersonen im Fach Deutsch mussten dich benoten, ohne in ihrer Ausbildung gelernt zu haben, wie sie konstruktiv zur Überarbeitung deines Textes anregen. Sie haben ein Schema im Kopf, das ihre Schüler:innen erfüllen sollen. Das lässt links und rechts davon wenig Spielraum für Kreativität.

Wenn viel in deinem Text angestrichen ist, dazu noch in Rot, dann schaltet unser Gehirn automatisch dahin zurück und denkt, dass unser Text mangelhaft ist. Es verfällt in den Urteilsmodus aus der Schulzeit und wir halten uns für eine:n schlechte:n Autor:in. Quälen uns mit Selbstzweifeln. Diese könnten also ihren Ursprung in der Schulzeit haben.

Nur die wenigsten von uns haben gelernt, produktiv an Texten zu arbeiten und ein Lektorat als Unterstützung zu sehen und nicht als Kritik. Die Folgen:

  • Distanz zur Lektoratsperson: Du gibst ihr die „Schuld“, dass du den Spaß am Schreiben verlierst. Dazu möchte ich dir sagen: Es gibt keine Schuld, es gibt nur Verantwortung. Ihr beide übernehmt sie für jeweils euren Teil der Arbeit, sie für das Lektorat, du für die Überarbeitung bzw. den Endzustand deines Textes.
  • Sträuben, innerer Widerstand gegen Überarbeitung: Du wiegst Aufwand gegen Nutzen ab und entscheidest, den Text so zu lassen. Irgendwie, sagst du dir, wirst du wie bisher auch damit durchkommen. Und damit hast du recht, der Text wird mehr oder weniger bestehen, seine Leser:innen finden, die Note wird noch im Rahmen sein oder die Resonanz verhalten bleiben. Die Frage ist jedoch, ob das Endergebnis dich befriedigt.
  • Vielleicht empfindest du auch Trotz: Möglicherweise fühlst du dich völlig missverstanden und der Satz ploppt auf: Das habe ich nicht nötig, mir das sagen zu lassen. Eine erste verständliche Reaktion. Dann schlafe erst darüber, freunde dich mit den Anmerkungen an, soweit du kannst, und die besonders schmerzhaften ignorierst du. Das ist allemal besser, als dass der Text in der Schublade landet oder du den Kontakt zu deiner Lektorin abbrichst.

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2. Wann die Frage auftauchen kann

Diese Frage beschäftigt alle, meine Kund:innen, potentielle Interessent:innen und sogar Menschen aus meinem Umfeld, sprich Freundinnen, Bekannte und Familie. Ich halte sie für angemessen und normal, vor allem, bei wenig Erfahrung mit Feedback auf  Texte. Du stellst sie dir dann auch, weil du herausfinden willst, ob du dem, was da kommt, überhaupt gewachsen bist.

Deshalb kann die Frage, ob es noch dein Text ist, vor, während und nach dem Lektorat auftauchen.

  • Vor dem Lektorat fragst du dich womöglich, wie gut oder schlecht oder vielleicht auch nur mittelmäßig die Lektoratsperson deinen Roman, deine Erzählung, dein Gedicht oder deine wissenschaftliche Arbeit findet. Das macht dich unsicher und kann verhindern, dass du überhaupt professionelle Unterstützung suchst.
    Mach dir klar: Urteile spielen für die Bearbeitung keine Rolle, sogar kontraproduktiv sind. Weil sie den Blick auf den Text verstellen. Ein Lektorat orientiert sich immer an der Sache, sprich dem aktuellen Zustand des Textes und dem Potenzial, die eine Geschichte, ein Thema hat. Statt zu bewerten, schauen ich und meine Kolleg:innen, was der Text braucht, damit er das aussagt, was du intendiert hast.
  • Während des Lektorats: Wenn du schon einen Teil des Textes aus dem Lektorat zurückbekommen hast, kann die Frage nach der Authentizität ebenfalls auftauchen. Du schaust dir die Kommentare und Änderungsvorschläge an und stellst vielleicht fest, dass du über einige der Aspekte noch gar nicht nachgedacht hast. Dein Mut sinkt, weil du merkst, wie viel Arbeit vor dir liegt. Oder die Lektoratsperson merkt immer wieder dasselbe an, etwa, dass du treffendere Verben verwenden sollst oder überlegen, was deine Figuren antreibt. Auch das kann aus demselben Grund frustrierend sein.
    Mach dir klar: Ein Lektorat ist mehr als das Ändern von Wörtern oder der Satzstellung. Lektorierende spüren Lücken, Brüche und Widersprüche auf. Stellen Fragen, damit du diese füllst bzw. auflöst. Sie geben dir Hilfestellung und was du daraus machst, ist deine Sache.
  • Nach dem Lektorat: Du erhältst deinen Text zurück, gespannt und freudig. Öffnest die Datei und siehst am Rand jede Menge Kommentare und im Text ganz viel rote Schrift und Streichungen. Dein Herz rutscht mindestens in die Kniekehle und du willst am liebsten gar nicht weiterlesen.
    Mache dir klar: Das sind alles Anregungen zur Verbesserung deines Textes, die nichts mit deiner Kompetenz als Schreibende:m zu tun haben. Sie weisen dich auf die Aspekte hin, denen du dich noch ausführlicher widmen solltest. Deshalb schau sie dir in aller Ruhe an und entscheide anschließend, wie du mit ihnen verfährst. Wenn du ohne negative Emotionen an die Überarbeitung gehst, wirst du feststellen, was davon deinen Text, dein Schreiben voranbringt und was du links liegen lässt.

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3. Mit Selbstzweifeln umgehen

Mach dir klar, dass ein Lektorat dich nicht benotet. Sein Sinn liegt darin, dich dazu anzuregen, dazuzulernen und über deinen Text nachzudenken. Zumindest, wenn die Lektoratsperson gut ausgebildet ist und ihre Kompetenz und Erfahrung in die Arbeit einfließen. Deshalb streicht sie alles an, was ihr auffällt. Und überlässt dir die Freiheit, zu entscheiden, wohin sich dein Text entwickelt.

Ein Weg, damit umzugehen, ist also, der Konditionierung ein Schnippchen zu schlagen. Etwa dadurch, indem wir dem Gehirn signalisieren, dass wir uns über die Markierungen und Anmerkungen freuen. Weil sich jemand intensiv mit dem Text, der Geschichte auseinandersetzt und wir eine Fülle von Anregungen bekommen, die uns helfen, ihn noch dichter und aussagekräftiger zu machen. Weil wir dadurch sowohl unsere Texte verbessern als auch kompetentere Schreibende werden, die Erfahrungen sammeln und immer versierter darin werden, das Gelernte anzuwenden.

Möglicherweise hilft es dir, dir klarzumachen, dass dein:e Auftragnehmer:in meistens beide Seiten kennt: Sie hat oder hatte einen schreibenden Beruf und hat dadurch und zusätzlich in Fortbildungen gelernt, Texte zu überarbeiten. Was sie dir mitgibt, geschieht aus dieser doppelten Expertise. Auch sie hat erlebt, an einem Text zu zweifeln. Sprich sie darauf an, wie sie damit umgeht. Meine Vermutung: Sie oder er hat beim Anblick der Anmerkungen geschluckt und sich dann an die Überarbeitung gesetzt. Weil sie weiß, dass Autor:innen beim eigenen Text automatisch schreibblind werden, sprich den nötigen Überarbeitungsbedarf nicht mehr selbst identifizieren.
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4. Die Verantwortung für den Text bleibt bei dir

In einem Lektorat geht es darum, die bestmögliche Version deines Textes anzustoßen. Weil ein:e Lektor:in nicht weiß, wie du dir die Geschichte oder wissenschaftliche Bearbeitung des Themas gedacht hast, merkt sie/er alles an, was ihr/ihm auffällt. Denn Anmerkungen und Kommentare sind lediglich Vorschläge, dadurch bleibt dein Text immer dein Text.

Du entscheidest, was für dich stimmt, und es letztendlich in deinem Sinn überarbeiten. Deshalb bleibt die Verantwortung für deinen Text immer bei dir, die nimmt sie dir nicht ab. Zudem sind Durststrecken bei jeder Form von kreativer Arbeit normal und lassen sich nicht verhindern. Mein Lösungsvorschlag lautet, produktiv mit ihnen umzugehen, um sich nicht entmutigen zu lassen.

Sprich unbedingt offen an, was sich im Lektorat am Weiterarbeiten hindert. Dein:e Auftragnehmend:e wird mit dir gemeinsam eine Strategie entwickeln, wie du mit dieser Frage und deinen Erfahrungen umgehst. Ist sie auch Schreibcoach:in, kennt sie garantiert gute Tipps und Schreibmethoden, Hürden der verschiedensten Art zu überwinden.
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5. Viele Gründe können den Erfolg eines Lektorat behindern

Die Unlust oder gar ein Widerstand gegen die Überarbeitung kann noch andere Gründe haben: Vielleicht hast du den Auftrag mit deiner Lektoratsperson nicht ausführlich abgesprochen. Du wolltest lediglich Anregungen zur Überarbeitung von Sprache und Stil, sie hat aber zusätzlich ein Inhaltslektorat geliefert. Und das nicht, um dich zu ärgern, sondern weil zu einem Stil-Lektorat auch gehört, auf Lücken, Brüche oder Widersprüche hinzuweisen. Denn es verstößt gegen die Berufsehre, Logikfehler außen vor zu lassen.

Vielleicht verwirren dich die vielen Anmerkungen. Dann sprich sie darauf an und lass dir erklären, was der/die Lektorierende damit meint bzw. auf welchen Aspekt deines Textes sie deine Aufmerksamkeit lenken will.

Oder du hast dein Ziel revidiert. Bei der Lektoratsperson ist angekommen, dass du den Text zur Veröffentlichungsreife bringen willst. Du aber hast mittlerweile gemerkt, dass du nur ein Büchlein als Weihnachtsgeschenk für Familie und Freunde daraus machen willst, weil dir der Aufwand zu hoch ist. Auch das solltest du besprechen, damit eure Ziele und der Anspruch an den Text nicht auseinanderdriften.

Vielleicht hat sich die Reihenfolge geändert, du ziehst einen anderen Text vor und dein aktuelles Projekt wandert vorerst in die Schublade. Das ist dein gutes Recht, aber bitte sprich es an: Die Lektoratsperson hat dich in ihrem Terminkalender eingeplant und für sie fällt ein Auftrag weg. Oder anders gesagt: Sie muss sich um die Akquise eines neuen kümmern.

Manchmal kommt es auch vor, dass eine Verlagsbewerbung verschoben wird, weil der/die Autor:in verstanden hat, dass noch mehr Arbeit nötig ist als angenommen.

Oft braucht es auch eine Weile, das dahinterliegende Problem zu erkennen. Dann gibt dir deine Lektoratsperson eventuell schon Tipps, die du gar nicht umsetzen kannst. Sie will etwa wissen, was deine Figuren antreibt. Weil du dir darüber aber bisher keine Gedanken gemacht hast, stellst du das Problem hintenan. Dann kommen diese Anmerkungen immer wieder und du fragst dich, was du falsch machst. Egal welches Problem vorliegt: Lass dich niemals entmutigen, sondern nimm es als Herausforderung an, an der Stelle weiterzukommen.

Manchmal tut es trotz aller Bemühungen immer noch sehr weh, deinen Text mit Anmerkungen versehen zurückzubekommen. Dann ist vielleicht ein Wechsel der Lektoratsperson die beste Lösung, bevor du gar nicht mehr daran arbeiten magst. Suche dir in Absprache jemanden, der/die weniger tief in deine Geschichte einsteigt. Das ist billiger und beugt andauerndem Frust vor.

Keines von den Beispielen in Punkt 5 ist ein Fehler oder gar Versagen der Beteiligten, solange du offen kommunizierst. Und ich wünsche dir eine Lektorin, einen Lektor, die bzw. der dies ebenfalls gut beherrscht und mit dir eine Lösung sucht.
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6. Ein guter Text braucht Zeit

Aus eigener Schreiberfahrung weiß ich: Ein guter Text braucht immer Zeit. Gib sie ihm und bleib dran, durchdenke die Anmerkungen und setze diejenigen um, die dir einleuchten. Frage bei den anderen nach. Dann wird deine Geschichte, deine Arbeit reifen und ein Niveau erreichen, mit dem du nicht gerechnet hast. Aus deiner eigenen Arbeit heraus.

Eine Kundin gab mir neulich folgendes Feedback: „Ich merke immer wieder, dass das Wort, das du vorschlägst, nicht meines ist. Aber es hilft mir, darüber nachzudenken, welche Formulierung zu mir gehört, was meine Sprache ist“, sagte sie. Auch sie macht die Erfahrung, dass es mehrere Überarbeitungsrunden braucht, bis ihre Geschichten das ausdrücken, was sie sagen will.

Durststrecken sind unvermeidlich und jeder hat sie, ob mit oder ohne Lektorat. Ein kleiner Trick, der mir hilft, damit umzugehen: Ich stelle mir beim Überarbeiten immer wieder das Glücksgefühl vor, das aufkommt, wenn der Text endlich fertig ist. Daran merke ich, wie sehr ich fürs Schreiben brenne, was mich wiederum motiviert, die viele Arbeit auf mich zu nehmen. Und diesen Moment wünsche ich dir auch!
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Wer dir hier schreibt:
Hallo, ich bin Sabine Staub-Kollera, Lektorin und Coach für Schreibende, die den Weg zum stimmigen Text lieber mit einem Menschen als einer KI gehen.

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Posted by sabine, 0 comments