Lektorat

Der Streit um den Begriff Autor:in

Oder: Gibt es Vorschriften, nach denen du dich Autor:in nennen darfst?

In einem Post auf Instagram wurde behauptet, man müsse mindestens mehrere Bücher bei echten Verlagen veröffentlicht haben bevor man sich Autor:in nennen darf*. Selfpublishende und Zuschussverlage seien also per se ausgeschlossen. (Ich benutze hier bewusst den Konjunktiv II.) Das Unbehagen über diese These war für mich der Anstoß, darüber zu recherchieren, ob sie stimmt bzw. ob es überhaupt irgendwelche Voraussetzungen gibt, damit sich jemand mit diesem anscheinend exklusiven Titel schmücken darf.

Inhaltsverzeichnis

    1. Definition und Herkunft des Begriffs Autorin
    2. Immer höhere Messlatte auch im Schreiben
    3. Mögliche Absichten für den Ausschluss von Autor:innenschaft
    4. Was beim Schreiben wirklich zählt
    5. Wie ich mit dem Begriff Autor:in umgehe

1. Definition und Herkunft des Begriffs Autor:in

Vielleicht erinnert euch das an die Diskussion um den Begriff Schriftsteller:in. Immer wieder lese ich, dass der sogar nur erlaubt ist, wenn man auch vom Schreiben leben kann. Das grenzt noch mehr Menschen aus als die Definition des Begriffs Autor:in nach obiger Lesart: Selbst von denen, die bei Verlagen veröffentlichen, haben viele zusätzlich noch einen Brotjob.

Für die Klärung des Sachverhalts reicht ein Blick in ein etymologisches Wörterbuch**, also eines, das sowohl Herkunft als auch Bedeutung von Begriffen klärt.Die gute Nachricht: Jede Person, die einen Text verfasst, ist automatisch dessen Autor:in.

Heute wird das Wort in der Bedeutung ‘Urheber, Verfasser’ gebraucht. Es stammt aus dem Lateinischen und wurde bereits in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts daraus entlehnt. Damals lautete es auctor, autor und bedeutete ‘Förderer, Veranlasser, Urheber’, von lat. augēre (auctum) ‘vermehren, vergrößern’ abgeleitet.

Demnach ist jeder Mensch, der einen Text verfasst, per Definition Autor:in dieses Schriftstücks. Dabei ist es egal, ob es sich um einen Roman handelt, ein Gedicht, einen Antrag für Fördergelder, einen wissenschaftlichen Beitrag oder einen journalistischen Artikel. Der einzig ausschlaggebende Grund: Du hast ihn geschrieben.

Soweit so gut, doch wie komme ich darauf, das hier zu problematisieren, wenn es sich so leicht klären lässt? zum Inhaltsverzeichnis

2. Immer höhere Messlatten – auch im Schreiben?

Zuerst habe ich nur gestutzt. Dann wurde ich wütend. Und habe mich gefragt, wie man so eine Ansicht verbreiten kann bzw. welche Absicht dahinter steckt, diese Behauptung aufzustellen?

Beide Fragen kann ich nicht mit 100-prozentiger Sicherheit beantworten. Natürlich habe ich eine Vermutung: Überall lässt sich beobachten, dass die Messlatten höher gehängt werden. Für Körperformen, Essverhalten, Lebensstile usw. gelten immer strengere Regeln, selbst wenn im selben Atemzug oft so getan wird, als seien wir alle o. k., so wie wir sind. Das verursacht Druck auf jede und jeden von uns und geht auf Kosten unserer Lebensfreude.

Diese restriktive Einteilung, wann etwas gelungen ist und wie ich als Individuum zu sein habe, um dazuzugehören, scheint nun auch aufs Schreiben herüberzuschwappen. Mir behagt es überhaupt nicht, die Autor:innenschaft derartigen Zwängen zu unterwerfen. zum Inhaltsverzeichnis

3. Mögliche Absichten für die Ausgrenzung von  Autor:innenschaft

Ich habe mich gefragt, ob mangelndes Wissen hinter diesem Post steckt oder der/die Urheber:in damit eine Absicht verfolgt.

Niemand zieht ohne Grund Gräben

Meine Antwort: Niemand zieht ohne Grund Gräben oder stellt unüberwindbare Hürden auf. Deshalb sieht es für mich so aus, als gehe es darum, anderen entweder Angst zu machen (eventuell um ein Produkt zu verkaufen?) oder sich damit selbst elitär zu fühlen. Beides finde ich sehr bedenklich und wende mich entschieden dagegen.

Problem Rassismus durch Kategorien

Außerdem gebe ich zu bedenken, dass es sich um Rassismus handelt, wenn aufgrund solcher Regeln Menschen in Gruppen eingeteilt werden. Es führt dazu, dass die einen denken, sie seien besser als die anderen. Und die anderen fühlen sich ausgegrenzt und auch demotiviert. zum Inhaltsverzeichnis

4. Was beim Schreiben wirklich zählt

Natürlich gibt es Qualitätskriterien für Texte, aber diese umzusetzen, kann man sich aneignen. Das ist das Schreibhandwerk.

Schreibhandwerk lässt sich lernen

Doch wie soll jemand unbefangen daran gehen, etwas hinzuzulernen, wenn die Latte so hoch gelegt wird? Spaß zu haben wird dadurch unmöglich, weil ich mich dauernd frage, ob ich bestehen werde. Ich als Lektorin kann das auf keinen Fall gutheißen. Vor allem, da der Druck auf Autor:innen gerade sowieso steigt, weil immer weniger Bücher verkauft werden und es dadurch noch schwieriger wird, einen Verlag zu finden.

Was aus meiner Sicht viel mehr zählt als Begrifflichkeiten beim Schreiben: dass du

– dich wohlfühlst
– Spaß daran hast
– vielleicht sogar dafür brennst, dein Thema auszudrücken
– in deinem Rahmen, nach deinen Bedürfnissen und in deinem Tempo etwas dazu lernen möchtest

Eines davon reicht übrigens, du musst nicht alle Punkte erfüllen ;-), ich erhebe auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, füge gerne deinen hinzu. Was ich mit Sicherheit sagen kann: Die Kriterien gelten für alle Textsorten, siehe Aufzählung oben. Und für alle Schreibniveaus, von Anfänger:in bis Profi. Und wenn es für dich passt, dann nenne dich gerne Schriftsteller:in. Hauptsache, du fühlst dich damit wohl. zum Inhaltsverzeichnis

5. Wie ich mit dem Begriff Autor:in umgehe

Im Lektorat bei mir bist du automatisch ein:e Autor:in. Ich nenne alle meine Kund:innen so, egal wie viel du schon geschrieben und/oder veröffentlicht hast. Also auch dich. Das sichere ich dir zu. Und dann schauen wir gemeinsam, was in deinem Text steckt und was er braucht, damit deine Lesenden ihn genauso verstehen, wie du ihn gemeint hast. Schreiben ist auch Ausprobieren, Wagen, manchmal Umdenken und von vorne Anfangen. Aus eigener Erfahrung sage ich, dass ich schon lange damit aufgehört hätte, würde ich nicht immer wieder etwas Neues dazulernen. Im Lektorat und als Autorin.
zum Inhaltsverzeichnis

Alles Liebe und Zeit zum Schreiben wünscht dir

Sabine

*Auf Anfrage nenne ich gerne die Quelle.
**Quelle für die Definition:
„Autor“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/etymwb/Autor>, abgerufen am 13.07.2026. URL: https://www.dwds.de/wb/etymwb/Autor

Wer dir hier schreibt: Ich bin Sabine Staub-Kollera, Lektorin und Coach für Schreibende, die an ihrem Text bevorzugt exemplarisch an ausgewählten Stellen und lieber mit einem Menschen als einer KI arbeiten. Alles, was ich in meine Arbeit einbringe, habe ich vorher selbst an meinen Texten ausprobiert.

Dir hat dieser Artikel geholfen oder du hast Fragen bzw. Anmerkungen dazu? Dann lass‘ es mich über das Kontaktformular wissen.

Du kennst jemanden, der sich für das Thema interessiert oder nach einer Lektorin sucht? Dann würde ich mich freuen, wenn du den Blogartikel an diesen Menschen weiterleitest.

Du möchtest als erste wissen, wann ein neuer Blogartikel erscheint, und immer über Neuigkeiten informiert sein? Dann abonniere meinen Newsletter über das Kontaktformular.

Posted by sabine in Lektorat, Schreibpraxis, Schreibprozess, 0 comments
So findest du die passende Erzählperspektive für deinen Text

So findest du die passende Erzählperspektive für deinen Text

Fragst du dich manchmal, ob du deine Geschichte in der passenden Erzählperspektive geschrieben hast oder dich besser für eine andere entschieden hättest? Tatsächlich ist es wichtig, sich vorab damit auseinanderzusetzen. Weil sie bestimmt, wie du etwas preisgeben kannst, sei es über eine Person, das Setting oder den Verlauf der Handlung. In diesem Artikel habe ich für dich zusammengestellt, welche Überlegungen der Wahl der Perspektive für einen Text vorausgehen sollten, damit du die passende findest und deine Lesenden dem Plot gespannt folgen.

Inhaltsverzeichnis

  1. Die drei Perspektiven eines Texts
  2. Wann die Frage, ob das noch dein Text ist, auftauchen kann
  3. Die häufigsten Perspektivfehler
  4. Mit Schreiberfahrung Perspektivgrenzen erweitern
  5. Die Erzählperspektiven im Lektorat

1. Die drei Perspektiven eines Textes

Ein entscheidender Faktor für die Wirkung eines Textes ist die Perspektive, aus der erzählt wird. Im Deutschunterricht in der Schule haben wir die grobe Unterteilung in drei Perspektiven gelernt:

    • die auktoriale Perspektive, also die allwissende Erzählperson,
    • die personale Perspektive, die in der dritten Person Singular aus der Sicht einer oder mehrerer Figuren erzählt, und
    • die Ich-Perspektive, in der eine Figur spricht, meistens die Hauptfigur, manchmal auch mehrere Figuren.
      zurück

2. So entscheidest du dich für die passende Erzählperspektive

Frage dich vorab: Was willst du mit der Perspektive erreichen oder bewirken?

Sollen deine Lesenden die Geschichte mit deiner Hauptfigur miterleben? Dann sind die personale oder die Ich-Perspektive passend. Dadurch erfahren wir alles gefärbt durch ihre Brille und nur so viel, wie sie weiß oder vermutet.

Gibt es eine eindeutige Hauptfigur oder mehrere gleichrangige Figuren? Dann passen ebenfalls die personale oder die Ich-Perspektive am besten.

Schau dir an, wie komplex der Plot ist: Je mehr er sich verzweigt oder je mehr Personen vorkommen, desto zielführender ist es, aus der personalen oder auktorialen Perspektive zu erzählen. Sonst wird es knifflig, alle nötigen Infos unterzubringen und die Spannung aufrechtzuerhalten.

Darüber hinaus bestimmen die Erwartungen an das Genre und die jeweilige Zielgruppe die Perspektive. So wählen Autor:innen für ihre Coming-of-Age-Geschichten oder Psychothriller meistens wegen des subjektiven Blickwinkels die Ich-Perspektive. Familiengeschichten oder Gesellschaftsromane dagegen haben oft eine allwissende Erzählstimme, um die unterschiedlichen Sichtweisen einzubringen.

Alles in allem ist die Perspektive eine bewusste Entscheidung, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Sie muss außerdem zu deinem Schreibstil, deiner Autor:innenpersönlichkeit und zu deinen Fähigkeiten passen.

Wie entscheidest du nun, wer die ganze Geschichte oder nur die jeweilige Szene erzählt? Ein Kriterium könnte sein, die Person zu nehmen, die am meisten zu lernen oder zu verlieren hat. Oder die Figur auszusuchen, die den jeweiligen Konflikt am intensivsten erlebt. Beim multiperspektivischen Erzählen kann das auch eine Nebenfigur sein.
zurück

3. Die häufigsten Perspektivfehler

Wenn deine Lektor:in dich auf Perspektivfehler hinweist, kann das unter anderem folgende Gründe haben:

1. Eine deiner Figuren nimmt etwas wahr, was sie eigentlich nicht wissen kann: Das ist der häufigste Fall und bedarf nur einer kleinen sprachlichen Änderung. Wie, zeigt dir deine Lektoratsperson. Hier zwei Beispiele für einen Text in der Ich-Perspektive:

Perspektivfehler Mögliche Korrektur
Der Schulleiter machte ein belustigtes Gesicht.

Erläuterung: Unsauber, die Ich-Erzählerin kann nicht wissen, aus welchem Grund er so schaut.

Der Schulleiter verzog den Mund, als ob ihn meine Bemerkung belustigte.

Erläuterung: Mit dem Konjunktiv drückt die Ich-Erzählerin eine Vermutung aus.

Anschließend lehnte er sich mit verschränkten Armen zurück, um zu signalisieren, dass er keine Fragen wünschte.

Erläuterung: Auch das kann die Ich-Erzählerin nicht wissen.

Anschließend lehnte er sich mit verschränkten Armen zurück, wie um zu signalisieren, dass er keine Fragen wünschte.

Erläuterung: Mit dem Vergleich drückt die Ich-Erzählerin eine Vermutung aus.

2. Es ist unklar, wer die Geschichte erzählt: Das verhindert die Identifikation mit einer Figur und führt im schlimmsten Fall dazu, dass dein Buch weggelegt wird. Denn wenn ich nicht weiß, wem ich folgen soll, bin ich verwirrt oder gelangweilt.

3. Die Wechsel sind nicht deutlich genug: Dadurch wissen deine Lesenden nicht, wer gerade spricht. Auch das kann dazu führen, dass jemand nicht weiter liest.

Wegen der gravierenden Folgen für den Plot einer Geschichte ist es wichtig, besonders die letzten beiden im Lektorat bzw. in der Überarbeitung aufzuspüren.
zurück

4. Mit Schreiberfahrung Perspektivgrenzen erweitern

Mein Rat für Schreibanfänger:innen und alle ohne professionelles Lektorat: Bleibe pro Szene bei einer Perspektive. Damit erreichst du, dass deine Leser:innen deiner Geschichte und den einzelnen Sichtweisen problemlos folgen können. Es gibt zwar renommierte Schreibende, die aufgrund ihrer vielen Erfahrung sogar innerhalb einer Szene damit spielen können  Doch kommen diese meistens aus dem Drehbuchschreiben und beherrschen Perspektivwechsel deshalb – und wegen ihrer vielen Erfahrung – aus dem Effeff. Du kannst dieses Schema also auch brechen, doch nur wenn du dir sicher bist, dass du es beherrschst. Wie immer ist Expertise die Voraussetzung, um die Grenzen zu erweitern.
zurück

5. Die Erzählperspektiven im Lektorat

Es deinen Leser:innen so leicht wie möglich zu machen, ist das Ziel eines Lektorats. Deine Lektoratsperson wird deshalb immer auch auf die Perspektive achten und dir als Prototyp der kritischsten Leserin aufzeigen, wie dein Text dadurch wirkt bzw. wo du nachbessern musst. Was du davon übernimmst, ist deine Entscheidung.
zurück

Wer dir hier schreibt:
Hallo, ich bin Sabine Staub-Kollera, Lektorin und Coach für Schreibende, die den Weg zum stimmigen Text lieber mit einem Menschen als einer KI gehen. Und außerdem selbst Autorin.

Nach einer Fortbildung kürzlich habe ich die Erzählperspektive in die letzte Überarbeitungsrunde meines Irland-Krimis aufgenommen. Dieser Arbeitsschritt an meinem eigenen Text kommt wiederum dir zugute, weil ich dadurch Perspektivfehler auch in deinem Text noch präziser aufspüre.

Dir hat dieser Artikel geholfen oder du hast Anmerkungen dazu? Dann lass‘ es mich über das Kontaktformular wissen!

Posted by sabine in Erzählperspektiven, Lektorat, Schreibprozess, Überarbeitung, 0 comments

Ist das noch mein Text und, wenn ja, warum?

Wie du mit Zweifel und Sorgen im Lektorat umgehen kannst

Eine der häufigsten Fragen, die mir gestellt werden, lautet: Wenn du in meinem Text so viel anmerkst, wie viel bleibt eigentlich noch von meinen Ideen übrig? Oder anders gesagt: Ist das nach Lektorat und Überarbeitung überhaupt noch mein Text?

In diesem Artikel erfährst du, wann die Frage auftauchen kann, was dahinter stecken kann und wie du mit ihr produktiv umgehst.

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Was im Gehirn passiert, wenn die Frage auftaucht
  2. Wann die Frage, ob das noch dein Text ist, auftauchen kann
  3. So kannst du mit Selbstzweifeln im Lektorat umgehen
  4. Die Verantwortung für den lektorierten Text bleibt bei dir
  5. Viele Gründe können den Erfolg eines Lektorats behindern
  6. Ein guter Text braucht Zeit – gib sie ihm!

1. Was im Gehirn passiert, wenn die Frage auftaucht

Wir alle können aus der Schulzeit oder der Arbeit von schlechten Rückmeldungen auf Texte berichten, die wir mal mehr, mal weniger verarbeitet haben. Die Lehrpersonen im Fach Deutsch etwa mussten dich wegen ihres Amtes benoten, oft ohne in ihrer Ausbildung gelernt zu haben, wie sie konstruktiv zur Überarbeitung deines Textes anregen. Sie hatten vielleicht ein Schema im Kopf, das ihre Schüler:innen erfüllen sollen. Das ließ links und rechts davon wenig Spielraum für Kreativität. Diese Erfahrungen können sich in der Arbeitswelt fortsetzen. Kolleg:innen haben eine Vorstellung von einem Text und die sollst du erfüllen. Sie machen sich nicht klar, dass es unterschiedliche Herangehensweisen gibt und Kreativität ein Ergebnis liefern kann, das sie nicht erwartet haben.

Das Gehirn schaltet in die Schulzeit zurück und Selbstzweifel können auftauchen

Wenn viel in deinem Text angestrichen ist, dazu noch in Rot, dann kann es sein, dass dein Gehirn automatisch dahin zurückschaltet und denkt, dass dein Text mangelhaft ist. Es verfällt wieder in den Urteilsmodus aus der Schulzeit und du hältst dich für eine:n schlechte:n Autor:in. Quälst dich mit Selbstzweifeln. Diese könnten also ihren Ursprung in der Schulzeit haben.

Nur die wenigsten von uns haben gelernt, produktiv an Texten zu arbeiten und ein Lektorat als Unterstützung zu sehen und nicht als Kritik. Die Folgen:

  • Distanz zur Lektoratsperson: Du gibst ihr die „Schuld“, dass du den Spaß am Schreiben verlierst. Dazu möchte ich dir sagen: Es gibt keine Schuld, es gibt nur Verantwortung. Ihr beide übernehmt sie für jeweils euren Teil der Arbeit, sie für das Lektorat, du für die Überarbeitung bzw. den Endzustand deines Textes.
  • Sträuben, innerer Widerstand gegen Überarbeitung: Du wiegst Aufwand gegen Nutzen ab und entscheidest, den Text so zu lassen. Irgendwie, sagst du dir, wirst du wie bisher auch damit durchkommen. Und damit hast du recht, der Text wird mehr oder weniger bestehen, seine Leser:innen finden, die Note wird noch im Rahmen sein oder die Resonanz verhalten bleiben. Die Frage ist jedoch, ob das Endergebnis dich befriedigt.
  • Vielleicht empfindest du auch Trotz: Möglicherweise fühlst du dich völlig missverstanden und der Satz ploppt auf: Das habe ich nicht nötig, mir das sagen zu lassen. Eine erste verständliche Reaktion. Dann schlafe erst darüber, freunde dich mit den Anmerkungen an, soweit du kannst, und die besonders schmerzhaften ignorierst du oder besprichst sie mit deiner Lektoratsperson. Das ist allemal besser, als dass der Text in der Schublade landet oder du den Kontakt zu deiner Lektorin abbrichst.

zurück

2. Wann die Frage, ob das noch dein Text ist, auftauchen kann

Diese Frage beschäftigt alle, meine Kund:innen, potentielle Interessent:innen und sogar Menschen aus meinem Umfeld, sprich Freundinnen, Bekannte und Familie , die gar nicht selbst schreiben. Ich halte sie für angemessen und normal, vor allem, bei wenig Erfahrung mit Feedback auf  Texte. Du stellst sie dir dann auch, weil du herausfinden willst, ob du dem, was da kommt, überhaupt gewachsen bist.

Deshalb kann die Frage, ob es noch dein Text ist, vor, während und nach dem Lektorat auftauchen.

  • Vor dem Lektorat fragst du dich womöglich, wie gut oder schlecht oder vielleicht auch nur mittelmäßig die Lektoratsperson deinen Roman, deine Erzählung, dein Gedicht oder deine wissenschaftliche Arbeit findet. Das macht dich unsicher und kann verhindern, dass du überhaupt professionelle Unterstützung suchst.
    Mach dir klar: Urteile spielen für die Bearbeitung keine Rolle, sind sogar kontraproduktiv. Weil sie den Blick auf den Text verstellen. Ein Lektorat orientiert sich immer an der Sache, sprich der Textsorte, dem aktuellen Zustand des Textes und dem Potenzial, die eine Geschichte, ein Thema hat. Statt zu bewerten, schauen ich und meine Kolleg:innen, was der Text braucht, damit er das aussagt, was du intendiert hast.
  • Während des Lektorats: Wenn du schon einen Teil des Textes aus dem Lektorat zurückbekommen hast, kann die Frage nach der Authentizität ebenfalls auftauchen. Du schaust dir die Kommentare und Änderungsvorschläge an und stellst vielleicht fest, dass du über einige der Aspekte noch gar nicht nachgedacht hast. Dein Mut sinkt, weil du merkst, wie viel Arbeit vor dir liegt. Oder die Lektoratsperson merkt immer wieder dasselbe an, etwa, dass du treffendere Verben verwenden sollst oder überlegen, was deine Figuren antreibt. Auch das kann aus demselben Grund frustrierend sein.
    Mach dir klar: Ein Lektorat ist mehr als das Ändern von Wörtern oder der Satzstellung. Lektorierende spüren Lücken, Brüche und Widersprüche auf. Stellen Fragen, damit du diese füllst bzw. auflöst. Sie geben dir Hilfestellung und was du daraus machst, ist deine Sache.Ein Lektorat ist mehr als das Ändern von Wörtern oder der Satzstellung.
  • Nach dem Lektorat: Du erhältst deinen Text zurück, gespannt und freudig. Öffnest die Datei und siehst am Rand jede Menge Kommentare und im Text ganz viel rote Schrift und Streichungen. Dein Herz rutscht mindestens in die Kniekehle und du willst am liebsten gar nicht weiterlesen.
    Mache dir klar: Das sind alles Anregungen zur Verbesserung deines Textes, die nichts mit deiner Kompetenz als Schreibende:m zu tun haben. Sie weisen dich auf die Aspekte hin, denen du dich noch ausführlicher widmen solltest. Deshalb schau sie dir in aller Ruhe an und entscheide anschließend, wie du mit ihnen verfährst. Wenn du ohne negative Emotionen an die Überarbeitung gehst, wirst du feststellen, was davon deinen Text, dein Schreiben voranbringt und was du links liegen lässt.

zurück

3. So kannst du mit den Selbstzweifeln im Lektorat umgehen

Mach dir klar, dass ein Lektorat dich nicht benotet. Sein Sinn liegt darin, dich dazu anzuregen, dazuzulernen und über deinen Text nachzudenken. Zumindest, wenn die Lektoratsperson gut ausgebildet ist und ihre Kompetenz und Erfahrung in die Arbeit einfließen. Deshalb streicht sie alles an, was ihr auffällt. Und überlässt dir die Freiheit, zu entscheiden, wohin sich dein Text entwickelt.

Ein Weg, damit umzugehen, ist also, der Konditionierung ein Schnippchen zu schlagen. Etwa dadurch, indem wir dem Gehirn signalisieren, dass wir uns über die Markierungen und Anmerkungen freuen. Weil sich jemand intensiv mit dem Text, der Geschichte auseinandersetzt und wir eine Fülle von Anregungen bekommen, die uns helfen, ihn noch dichter und aussagekräftiger zu machen. Weil wir dadurch sowohl unsere Texte verbessern als auch kompetentere Schreibende werden, die Erfahrungen sammeln und immer versierter darin werden, das Gelernte anzuwenden.

Lektor:innen haben eine doppelte Expertise, Schreiben selbst und sind gleichzeitig Expert:innen für die Überarbeitung

Möglicherweise hilft es dir, dir klarzumachen, dass dein:e Auftragnehmer:in meistens beide Seiten kennt: Sie hat oder hatte einen schreibenden Beruf und hat dadurch und zusätzlich in Fortbildungen gelernt, Texte zu überarbeiten. Was sie dir mitgibt, geschieht aus dieser doppelten Expertise. Auch sie hat erlebt, an einem Text zu zweifeln. Sprich sie darauf an, wie sie damit umgeht. Meine Vermutung: Sie oder er hat beim Anblick der Anmerkungen kurz geschluckt, die Anmerkungen analysiert und sich dann an die Überarbeitung gesetzt. Weil sie weiß, dass Autor:innen beim eigenen Text automatisch schreibblind werden, sprich den nötigen Überarbeitungsbedarf nicht mehr selbst identifizieren.
zurück

 

4. Warum dein Text immer dein Text bleibt

In einem Lektorat geht es darum, die bestmögliche Version deines Textes anzustoßen. Weil ein:e Lektor:in nicht weiß, wie du dir die Geschichte oder wissenschaftliche Bearbeitung des Themas gedacht hast, merkt sie/er alles an, was ihr/ihm auffällt. Denn Anmerkungen und Kommentare sind lediglich Vorschläge, dadurch bleibt dein Text immer dein Text.

Die gute Nachricht: Die Verantwortung für den überarbeiteten Text bleibt bei dir, du entscheidest, was für dich stimmt

Du entscheidest, was für dich stimmt, und es letztendlich in deinem Sinn überarbeiten. Die gute Nachricht: Deshalb bleibt die Verantwortung für deinen Text immer bei dir, die nimmt sie dir nicht ab. Zudem sind Durststrecken bei jeder Form von kreativer Arbeit normal und lassen sich nicht verhindern. Mein Lösungsvorschlag lautet, produktiv mit ihnen umzugehen, um sich nicht entmutigen zu lassen.

Sprich unbedingt offen an, was sich im Lektorat am Weiterarbeiten hindert. Dein:e Auftragnehmend:e wird mit dir gemeinsam eine Strategie entwickeln, wie du mit dieser Frage und deinen Erfahrungen umgehst. Ist sie auch Schreibcoach:in, kennt sie garantiert gute Tipps und Schreibmethoden, Hürden der verschiedensten Art zu überwinden.
zurück

 

5. Viele Gründe können den Erfolg eines Lektorat behindern

Die Unlust oder gar ein Widerstand gegen die Überarbeitung kann noch andere Gründe haben: Vielleicht hast du den Auftrag mit deiner Lektoratsperson nicht ausführlich abgesprochen. Du wolltest lediglich Anregungen zur Überarbeitung von Sprache und Stil, sie hat aber zusätzlich ein Inhaltslektorat geliefert. Und das nicht, um dich zu ärgern, sondern weil zu einem Stil-Lektorat auch gehört, auf Lücken, Brüche oder Widersprüche hinzuweisen. Denn es verstößt gegen die Berufsehre, Logikfehler außen vor zu lassen.

Vielleicht verwirren dich die vielen Anmerkungen. Dann sprich sie darauf an und lass dir erklären, was der/die Lektorierende damit meint bzw. auf welchen Aspekt deines Textes sie deine Aufmerksamkeit lenken will.

Oder du hast dein Ziel revidiert. Bei der Lektoratsperson ist angekommen, dass du den Text zur Veröffentlichungsreife bringen willst. Du aber hast mittlerweile gemerkt, dass du nur ein Büchlein als Weihnachtsgeschenk für Familie und Freunde daraus machen willst, weil dir der Aufwand zu hoch ist. Auch das solltest du besprechen, damit eure Ziele und der Anspruch an den Text nicht auseinanderdriften.

Vielleicht hat sich die Reihenfolge geändert, du ziehst einen anderen Text vor und dein aktuelles Projekt wandert vorerst in die Schublade. Das ist dein gutes Recht, aber bitte sprich es an: Die Lektoratsperson hat dich in ihrem Terminkalender eingeplant und für sie fällt ein Auftrag weg. Oder anders gesagt: Sie muss sich um die Akquise eines neuen kümmern.

Oft braucht es eine Weile, das Problem zu erkennen, das hinter deiner Reaktion auf das Lektorat liegt

Manchmal kommt es auch vor, dass eine Verlagsbewerbung verschoben wird, weil der/die Autor:in verstanden hat, dass noch mehr Arbeit nötig ist als angenommen.

Oft braucht es auch eine Weile, das dahinterliegende Problem zu erkennen. Dann gibt dir deine Lektoratsperson eventuell schon Tipps, die du gar nicht umsetzen kannst. Sie will etwa wissen, was deine Figuren antreibt. Weil du dir darüber aber bisher keine Gedanken gemacht hast, stellst du das Problem hintenan. Dann kommen diese Anmerkungen immer wieder und du fragst dich, was du falsch machst. Egal welches Problem vorliegt: Lass dich niemals entmutigen, sondern nimm es als Herausforderung an, an der Stelle weiterzukommen.

Manchmal tut es trotz aller Bemühungen immer noch sehr weh, deinen Text mit Anmerkungen versehen zurückzubekommen. Dann ist vielleicht ein Wechsel der Lektoratsperson die beste Lösung, bevor du gar nicht mehr daran arbeiten magst. Suche dir in Absprache jemanden, der/die weniger tief in deine Geschichte einsteigt. Das ist billiger und beugt andauerndem Frust vor.

Keines von den Beispielen in Punkt 5 ist ein Fehler oder gar Versagen der Beteiligten, solange du offen kommunizierst. Und ich wünsche dir eine Lektorin, einen Lektor, die bzw. der dies ebenfalls gut beherrscht und mit dir eine Lösung sucht.
zurück

 

6. Ein guter Text braucht Zeit – gib sie ihm!

Aus eigener Schreiberfahrung weiß ich: Ein guter Text braucht immer Zeit. Gib sie ihm und bleib dran, durchdenke die Anmerkungen und setze diejenigen um, die dir einleuchten. Frage bei den anderen nach. Dann wird deine Geschichte, deine Arbeit reifen und ein Niveau erreichen, mit dem du nicht gerechnet hast. Aus deiner eigenen Arbeit heraus.

Jeder hat Durststrecken beim Schreiben, ob Profi oder Anfänger:in. Die sind unvermeidlich

Eine Kundin gab mir neulich folgendes Feedback: „Ich merke immer wieder, dass das Wort, das du vorschlägst, nicht meines ist. Aber es hilft mir, darüber nachzudenken, welche Formulierung zu mir gehört, was meine Sprache ist“, sagte sie. Auch sie macht die Erfahrung, dass es mehrere Überarbeitungsrunden braucht, bis ihre Geschichten das ausdrücken, was sie sagen will.

Durststrecken sind unvermeidlich und jeder hat sie, ob mit oder ohne Lektorat. Ein kleiner Trick, der mir hilft, damit umzugehen: Ich stelle mir beim Überarbeiten immer wieder das Glücksgefühl vor, das aufkommt, wenn der Text endlich fertig ist. Daran merke ich, wie sehr ich fürs Schreiben brenne, was mich wiederum motiviert, die viele Arbeit auf mich zu nehmen. Und diesen Moment wünsche ich dir auch!
zurück

Wer dir hier schreibt:
Hallo, ich bin Sabine Staub-Kollera, Lektorin und Coach für Schreibende, die den Weg zum stimmigen Text lieber mit einem Menschen als einer KI gehen.

Dir hat dieser Artikel geholfen oder du hast Anmerkungen dazu? Dann lass‘ es mich über das Kontaktformular wissen!

Posted by sabine, 0 comments