Oder: Gibt es Vorschriften, nach denen du dich Autor:in nennen darfst?
In einem Post auf Instagram wurde behauptet, man müsse mindestens mehrere Bücher bei echten Verlagen veröffentlicht haben bevor man sich Autor:in nennen darf*. Selfpublishende und Zuschussverlage seien also per se ausgeschlossen. (Ich benutze hier bewusst den Konjunktiv II.) Das Unbehagen über diese These war für mich der Anstoß, darüber zu recherchieren, ob sie stimmt bzw. ob es überhaupt irgendwelche Voraussetzungen gibt, damit sich jemand mit diesem anscheinend exklusiven Titel schmücken darf.
Inhaltsverzeichnis
1. Definition und Herkunft des Begriffs Autor:in
Vielleicht erinnert euch das an die Diskussion um den Begriff Schriftsteller:in. Immer wieder lese ich, dass der sogar nur erlaubt ist, wenn man auch vom Schreiben leben kann. Das grenzt noch mehr Menschen aus als die Definition des Begriffs Autor:in nach obiger Lesart: Selbst von denen, die bei Verlagen veröffentlichen, haben viele zusätzlich noch einen Brotjob.
Für die Klärung des Sachverhalts reicht ein Blick in ein etymologisches Wörterbuch**, also eines, das sowohl Herkunft als auch Bedeutung von Begriffen klärt.Die gute Nachricht: Jede Person, die einen Text verfasst, ist automatisch dessen Autor:in.
Heute wird das Wort in der Bedeutung ‘Urheber, Verfasser’ gebraucht. Es stammt aus dem Lateinischen und wurde bereits in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts daraus entlehnt. Damals lautete es auctor, autor und bedeutete ‘Förderer, Veranlasser, Urheber’, von lat. augēre (auctum) ‘vermehren, vergrößern’ abgeleitet.
Demnach ist jeder Mensch, der einen Text verfasst, per Definition Autor:in dieses Schriftstücks. Dabei ist es egal, ob es sich um einen Roman handelt, ein Gedicht, einen Antrag für Fördergelder, einen wissenschaftlichen Beitrag oder einen journalistischen Artikel. Der einzig ausschlaggebende Grund: Du hast ihn geschrieben.
Soweit so gut, doch wie komme ich darauf, das hier zu problematisieren, wenn es sich so leicht klären lässt? zum Inhaltsverzeichnis
2. Immer höhere Messlatten – auch im Schreiben?
Zuerst habe ich nur gestutzt. Dann wurde ich wütend. Und habe mich gefragt, wie man so eine Ansicht verbreiten kann bzw. welche Absicht dahinter steckt, diese Behauptung aufzustellen?
Beide Fragen kann ich nicht mit 100-prozentiger Sicherheit beantworten. Natürlich habe ich eine Vermutung: Überall lässt sich beobachten, dass die Messlatten höher gehängt werden. Für Körperformen, Essverhalten, Lebensstile usw. gelten immer strengere Regeln, selbst wenn im selben Atemzug oft so getan wird, als seien wir alle o. k., so wie wir sind. Das verursacht Druck auf jede und jeden von uns und geht auf Kosten unserer Lebensfreude.
Diese restriktive Einteilung, wann etwas gelungen ist und wie ich als Individuum zu sein habe, um dazuzugehören, scheint nun auch aufs Schreiben herüberzuschwappen. Mir behagt es überhaupt nicht, die Autor:innenschaft derartigen Zwängen zu unterwerfen. zum Inhaltsverzeichnis
3. Mögliche Absichten für die Ausgrenzung von Autor:innenschaft
Ich habe mich gefragt, ob mangelndes Wissen hinter diesem Post steckt oder der/die Urheber:in damit eine Absicht verfolgt.
Niemand zieht ohne Grund Gräben
Meine Antwort: Niemand zieht ohne Grund Gräben oder stellt unüberwindbare Hürden auf. Deshalb sieht es für mich so aus, als gehe es darum, anderen entweder Angst zu machen (eventuell um ein Produkt zu verkaufen?) oder sich damit selbst elitär zu fühlen. Beides finde ich sehr bedenklich und wende mich entschieden dagegen.
Problem Rassismus durch Kategorien
Außerdem gebe ich zu bedenken, dass es sich um Rassismus handelt, wenn aufgrund solcher Regeln Menschen in Gruppen eingeteilt werden. Es führt dazu, dass die einen denken, sie seien besser als die anderen. Und die anderen fühlen sich ausgegrenzt und auch demotiviert. zum Inhaltsverzeichnis
4. Was beim Schreiben wirklich zählt
Natürlich gibt es Qualitätskriterien für Texte, aber diese umzusetzen, kann man sich aneignen. Das ist das Schreibhandwerk.
Schreibhandwerk lässt sich lernen
Doch wie soll jemand unbefangen daran gehen, etwas hinzuzulernen, wenn die Latte so hoch gelegt wird? Spaß zu haben wird dadurch unmöglich, weil ich mich dauernd frage, ob ich bestehen werde. Ich als Lektorin kann das auf keinen Fall gutheißen. Vor allem, da der Druck auf Autor:innen gerade sowieso steigt, weil immer weniger Bücher verkauft werden und es dadurch noch schwieriger wird, einen Verlag zu finden.
Was aus meiner Sicht viel mehr zählt als Begrifflichkeiten beim Schreiben: dass du
– dich wohlfühlst
– Spaß daran hast
– vielleicht sogar dafür brennst, dein Thema auszudrücken
– in deinem Rahmen, nach deinen Bedürfnissen und in deinem Tempo etwas dazu lernen möchtest
Eines davon reicht übrigens, du musst nicht alle Punkte erfüllen ;-), ich erhebe auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, füge gerne deinen hinzu. Was ich mit Sicherheit sagen kann: Die Kriterien gelten für alle Textsorten, siehe Aufzählung oben. Und für alle Schreibniveaus, von Anfänger:in bis Profi. Und wenn es für dich passt, dann nenne dich gerne Schriftsteller:in. Hauptsache, du fühlst dich damit wohl. zum Inhaltsverzeichnis
5. Wie ich mit dem Begriff Autor:in umgehe
Im Lektorat bei mir bist du automatisch ein:e Autor:in. Ich nenne alle meine Kund:innen so, egal wie viel du schon geschrieben und/oder veröffentlicht hast. Also auch dich. Das sichere ich dir zu. Und dann schauen wir gemeinsam, was in deinem Text steckt und was er braucht, damit deine Lesenden ihn genauso verstehen, wie du ihn gemeint hast. Schreiben ist auch Ausprobieren, Wagen, manchmal Umdenken und von vorne Anfangen. Aus eigener Erfahrung sage ich, dass ich schon lange damit aufgehört hätte, würde ich nicht immer wieder etwas Neues dazulernen. Im Lektorat und als Autorin.
zum Inhaltsverzeichnis
Alles Liebe und Zeit zum Schreiben wünscht dir
Sabine
*Auf Anfrage nenne ich gerne die Quelle.
**Quelle für die Definition:
„Autor“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/etymwb/Autor>, abgerufen am 13.07.2026. URL: https://www.dwds.de/wb/etymwb/Autor
Wer dir hier schreibt: Ich bin Sabine Staub-Kollera, Lektorin und Coach für Schreibende, die an ihrem Text bevorzugt exemplarisch an ausgewählten Stellen und lieber mit einem Menschen als einer KI arbeiten. Alles, was ich in meine Arbeit einbringe, habe ich vorher selbst an meinen Texten ausprobiert.
Dir hat dieser Artikel geholfen oder du hast Fragen bzw. Anmerkungen dazu? Dann lass‘ es mich über das Kontaktformular wissen.
Du kennst jemanden, der sich für das Thema interessiert oder nach einer Lektorin sucht? Dann würde ich mich freuen, wenn du den Blogartikel an diesen Menschen weiterleitest.
Du möchtest als erste wissen, wann ein neuer Blogartikel erscheint, und immer über Neuigkeiten informiert sein? Dann abonniere meinen Newsletter über das Kontaktformular.